Spindler, Karl: Die Engel-Ehe. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 8. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–66. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.genbach'schen Hauses, der Neid seiner sämmtlichen Landsleute und die Verehlichung Georg's mit der dankbaren Verena, die zwar ohne Widerwillen, aber auch nicht mit allzuherzlicher Beistimmung über ihre Hand verfügen ließ. Die Trauung hatte am frühen Morgen, bald zu Anfang des Winters Statt. Im Begriff, mit sehr geringem Geleit zur Kirche zu gehen, trat Verena an der Hand ihres Bräutigams vor die Mutter, deren Zustand sich bis dahin nicht im Mindesten geändert hatte, und sagte gerührt: Liebe Mutter, segnet Eure Tochter. -- Segnet auch mich, setzte Georg freundlich hinzu: ich werde fortan Euer Sohn sein. -- Scholastika schaute des Paar mit blinzelnden Augen an. Was machst du, Verena? fragte sie. -- Ich heirathe, liebe Mutter; ich heirathe diesen Mann, Herrn Landenberger. -- Wo bleibt denn mein Johann? fuhr die Kranke fort; du mußt nicht heirathen, wenn er nicht dabei ist. Laß es bleiben. -- Verena konnte vor Wehmuth nicht antworten. -- Nehmt mich für den Johann, gute Mutter, und habt mich lieb, sagte der ebenfalls tief ergriffene Georg. -- Die Alte horchte eine Weile, dann sagte sie: die Stimme könnte es wohl sein, aber ich sehe meinen Johann nicht. -- Ich sehe euch Alle nicht mehr, setzte sie trocken hinzu und zog mit den Fingern ihre Augenlider in die Höhe, und die aufmerksam gewordenen Umstehenden nahmen mit Beklom- genbach'schen Hauses, der Neid seiner sämmtlichen Landsleute und die Verehlichung Georg's mit der dankbaren Verena, die zwar ohne Widerwillen, aber auch nicht mit allzuherzlicher Beistimmung über ihre Hand verfügen ließ. Die Trauung hatte am frühen Morgen, bald zu Anfang des Winters Statt. Im Begriff, mit sehr geringem Geleit zur Kirche zu gehen, trat Verena an der Hand ihres Bräutigams vor die Mutter, deren Zustand sich bis dahin nicht im Mindesten geändert hatte, und sagte gerührt: Liebe Mutter, segnet Eure Tochter. — Segnet auch mich, setzte Georg freundlich hinzu: ich werde fortan Euer Sohn sein. — Scholastika schaute des Paar mit blinzelnden Augen an. Was machst du, Verena? fragte sie. — Ich heirathe, liebe Mutter; ich heirathe diesen Mann, Herrn Landenberger. — Wo bleibt denn mein Johann? fuhr die Kranke fort; du mußt nicht heirathen, wenn er nicht dabei ist. Laß es bleiben. — Verena konnte vor Wehmuth nicht antworten. — Nehmt mich für den Johann, gute Mutter, und habt mich lieb, sagte der ebenfalls tief ergriffene Georg. — Die Alte horchte eine Weile, dann sagte sie: die Stimme könnte es wohl sein, aber ich sehe meinen Johann nicht. — Ich sehe euch Alle nicht mehr, setzte sie trocken hinzu und zog mit den Fingern ihre Augenlider in die Höhe, und die aufmerksam gewordenen Umstehenden nahmen mit Beklom- <TEI> <text> <body> <div n="2"> <p><pb facs="#f0049"/> genbach'schen Hauses, der Neid seiner sämmtlichen Landsleute und die Verehlichung Georg's mit der dankbaren Verena, die zwar ohne Widerwillen, aber auch nicht mit allzuherzlicher Beistimmung über ihre Hand verfügen ließ.</p><lb/> <p>Die Trauung hatte am frühen Morgen, bald zu Anfang des Winters Statt. Im Begriff, mit sehr geringem Geleit zur Kirche zu gehen, trat Verena an der Hand ihres Bräutigams vor die Mutter, deren Zustand sich bis dahin nicht im Mindesten geändert hatte, und sagte gerührt: Liebe Mutter, segnet Eure Tochter. — Segnet auch mich, setzte Georg freundlich hinzu: ich werde fortan Euer Sohn sein. — Scholastika schaute des Paar mit blinzelnden Augen an. Was machst du, Verena? fragte sie. — Ich heirathe, liebe Mutter; ich heirathe diesen Mann, Herrn Landenberger. — Wo bleibt denn mein Johann? fuhr die Kranke fort; du mußt nicht heirathen, wenn er nicht dabei ist. Laß es bleiben. — Verena konnte vor Wehmuth nicht antworten. — Nehmt mich für den Johann, gute Mutter, und habt mich lieb, sagte der ebenfalls tief ergriffene Georg. — Die Alte horchte eine Weile, dann sagte sie: die Stimme könnte es wohl sein, aber ich sehe meinen Johann nicht. — Ich sehe euch Alle nicht mehr, setzte sie trocken hinzu und zog mit den Fingern ihre Augenlider in die Höhe, und die aufmerksam gewordenen Umstehenden nahmen mit Beklom-<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0049]
genbach'schen Hauses, der Neid seiner sämmtlichen Landsleute und die Verehlichung Georg's mit der dankbaren Verena, die zwar ohne Widerwillen, aber auch nicht mit allzuherzlicher Beistimmung über ihre Hand verfügen ließ.
Die Trauung hatte am frühen Morgen, bald zu Anfang des Winters Statt. Im Begriff, mit sehr geringem Geleit zur Kirche zu gehen, trat Verena an der Hand ihres Bräutigams vor die Mutter, deren Zustand sich bis dahin nicht im Mindesten geändert hatte, und sagte gerührt: Liebe Mutter, segnet Eure Tochter. — Segnet auch mich, setzte Georg freundlich hinzu: ich werde fortan Euer Sohn sein. — Scholastika schaute des Paar mit blinzelnden Augen an. Was machst du, Verena? fragte sie. — Ich heirathe, liebe Mutter; ich heirathe diesen Mann, Herrn Landenberger. — Wo bleibt denn mein Johann? fuhr die Kranke fort; du mußt nicht heirathen, wenn er nicht dabei ist. Laß es bleiben. — Verena konnte vor Wehmuth nicht antworten. — Nehmt mich für den Johann, gute Mutter, und habt mich lieb, sagte der ebenfalls tief ergriffene Georg. — Die Alte horchte eine Weile, dann sagte sie: die Stimme könnte es wohl sein, aber ich sehe meinen Johann nicht. — Ich sehe euch Alle nicht mehr, setzte sie trocken hinzu und zog mit den Fingern ihre Augenlider in die Höhe, und die aufmerksam gewordenen Umstehenden nahmen mit Beklom-
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