Richthauß nach Golgatha gefolgt seyn; ja ich würde nach der Ehre gestrebt haben, ihm an Simons Stelle sein Creuz nachzutragen. Und vielleicht -- vielleicht würde ich mit ihm in den Tod gegangen seyn.
So denke ich, da ich in so grosser Entfernung, über diesen Umstand nachdenke. Aber würde ich entschlossener und heldenmüthiger, als die Jünger Jesu gewesen seyn, wenn ich das Leiden Jesu in solcher Nähe betrachtet hät- te? Würde ich weniger als sie, befürchtet haben, da sich alle Umstände vereinigten, Jesum zugleich mit seinen An- hängern aus dem Weg zu räumen? Ich stelle mir oft, wenn ich gesund bin und also noch weit vom Grab entfernt zu seyn glaube, den Tod als eine leichte Sache vor. Aber werde ich auch noch so denken, wenn er in der Nähe ist, oder mir durch peinliche Krankheiten seine Gegenwart an- kündiget? Und so leicht, wie ich mir diese Sache vorzu- stellen suche, so leicht schien sie auch den Jüngern zu seyn. Als sie wenig Tage vorher Jesu die Versicherung gaben, selbst in den Tod mit ihm zu gehen, da dachten sie nicht, wie bitter die Märtyrerleiden wären, und wie so schwach sie wären, diese Leiden zu überstehen. Das vermeßne Zu- trauen auf ihre Kräfte verblendete ihr Herz so sehr, daß sie ihre Ohnmacht, ihre Furcht, ihre Sicherheit nicht be- merkten. Und dis ist eben der Fall, in welchem ich mich befinde. Jetzt bin ich kühn genug, alles zu versprechen; aber wie wenig werde ich davon erfüllen, wenn ich durch die Umstände selbst dazu aufgefordert werde! Ach nur gar zu viele meiner Nebenchristen haben so gute Gesinnun- gen, als ich mich zu haben berede. Sie wagen sich im Vertrauen auf die Stärke und Unschuld ihres Herzens in die Welt. Sie bedenken nicht, wie leicht der Reiz der Verführung ihr Herz besiegen könne. Und oft zu späte, wenn sie schon zu allen Lastern hingerissen worden, sehen
sie
Achte Betrachtung.
Richthauß nach Golgatha gefolgt ſeyn; ja ich würde nach der Ehre geſtrebt haben, ihm an Simons Stelle ſein Creuz nachzutragen. Und vielleicht — vielleicht würde ich mit ihm in den Tod gegangen ſeyn.
So denke ich, da ich in ſo groſſer Entfernung, über dieſen Umſtand nachdenke. Aber würde ich entſchloſſener und heldenmüthiger, als die Jünger Jeſu geweſen ſeyn, wenn ich das Leiden Jeſu in ſolcher Nähe betrachtet hät- te? Würde ich weniger als ſie, befürchtet haben, da ſich alle Umſtände vereinigten, Jeſum zugleich mit ſeinen An- hängern aus dem Weg zu räumen? Ich ſtelle mir oft, wenn ich geſund bin und alſo noch weit vom Grab entfernt zu ſeyn glaube, den Tod als eine leichte Sache vor. Aber werde ich auch noch ſo denken, wenn er in der Nähe iſt, oder mir durch peinliche Krankheiten ſeine Gegenwart an- kündiget? Und ſo leicht, wie ich mir dieſe Sache vorzu- ſtellen ſuche, ſo leicht ſchien ſie auch den Jüngern zu ſeyn. Als ſie wenig Tage vorher Jeſu die Verſicherung gaben, ſelbſt in den Tod mit ihm zu gehen, da dachten ſie nicht, wie bitter die Märtyrerleiden wären, und wie ſo ſchwach ſie wären, dieſe Leiden zu überſtehen. Das vermeßne Zu- trauen auf ihre Kräfte verblendete ihr Herz ſo ſehr, daß ſie ihre Ohnmacht, ihre Furcht, ihre Sicherheit nicht be- merkten. Und dis iſt eben der Fall, in welchem ich mich befinde. Jetzt bin ich kühn genug, alles zu verſprechen; aber wie wenig werde ich davon erfüllen, wenn ich durch die Umſtände ſelbſt dazu aufgefordert werde! Ach nur gar zu viele meiner Nebenchriſten haben ſo gute Geſinnun- gen, als ich mich zu haben berede. Sie wagen ſich im Vertrauen auf die Stärke und Unſchuld ihres Herzens in die Welt. Sie bedenken nicht, wie leicht der Reiz der Verführung ihr Herz beſiegen könne. Und oft zu ſpäte, wenn ſie ſchon zu allen Laſtern hingeriſſen worden, ſehen
ſie
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Achte Betrachtung.
Richthauß nach Golgatha gefolgt ſeyn; ja ich würde nach
der Ehre geſtrebt haben, ihm an Simons Stelle ſein Creuz
nachzutragen. Und vielleicht — vielleicht würde ich mit
ihm in den Tod gegangen ſeyn.
So denke ich, da ich in ſo groſſer Entfernung, über
dieſen Umſtand nachdenke. Aber würde ich entſchloſſener
und heldenmüthiger, als die Jünger Jeſu geweſen ſeyn,
wenn ich das Leiden Jeſu in ſolcher Nähe betrachtet hät-
te? Würde ich weniger als ſie, befürchtet haben, da ſich
alle Umſtände vereinigten, Jeſum zugleich mit ſeinen An-
hängern aus dem Weg zu räumen? Ich ſtelle mir oft,
wenn ich geſund bin und alſo noch weit vom Grab entfernt
zu ſeyn glaube, den Tod als eine leichte Sache vor. Aber
werde ich auch noch ſo denken, wenn er in der Nähe iſt,
oder mir durch peinliche Krankheiten ſeine Gegenwart an-
kündiget? Und ſo leicht, wie ich mir dieſe Sache vorzu-
ſtellen ſuche, ſo leicht ſchien ſie auch den Jüngern zu ſeyn.
Als ſie wenig Tage vorher Jeſu die Verſicherung gaben,
ſelbſt in den Tod mit ihm zu gehen, da dachten ſie nicht,
wie bitter die Märtyrerleiden wären, und wie ſo ſchwach
ſie wären, dieſe Leiden zu überſtehen. Das vermeßne Zu-
trauen auf ihre Kräfte verblendete ihr Herz ſo ſehr, daß
ſie ihre Ohnmacht, ihre Furcht, ihre Sicherheit nicht be-
merkten. Und dis iſt eben der Fall, in welchem ich mich
befinde. Jetzt bin ich kühn genug, alles zu verſprechen;
aber wie wenig werde ich davon erfüllen, wenn ich durch
die Umſtände ſelbſt dazu aufgefordert werde! Ach nur
gar zu viele meiner Nebenchriſten haben ſo gute Geſinnun-
gen, als ich mich zu haben berede. Sie wagen ſich im
Vertrauen auf die Stärke und Unſchuld ihres Herzens
in die Welt. Sie bedenken nicht, wie leicht der Reiz der
Verführung ihr Herz beſiegen könne. Und oft zu ſpäte,
wenn ſie ſchon zu allen Laſtern hingeriſſen worden, ſehen
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Matthias Boenig, Yannic Bracke, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Linda Kirsten, Xi Zhang:
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Sturm, Christoph Christian: Unterhaltung der Andacht über die Leidensgeschichte Jesu. 2. Aufl. Halle (Saale), 1775, S. 42. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturm_unterhaltung_1781/64>, abgerufen am 18.12.2024.
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