sie es ein, wie schwach, wie verderbt, wie leichtsinnig sie waren.
Ach, mein Heiland, ich will es nur bekonnen. Mein Herz ist trotzig und verzagt. Auch ich kann dich leicht ver- lassen und die dir zugeschworne Treue aus den Augen se- tzen. Was wird geschehen, wenn du mich zur Gemein- schaft deiner Leiden aufforderst? Werde ich da wohl wil- lig und stark genug seyn, auch unter der Last des Creuzes dir nachzufolgen? Was wird geschehen, wenn um mich her in muntern Gesellschaften die Feinde deines Creuzes dich schmähen? Werde ich da Muth genug haben, dich öf- fentlich zu bekennen und unveränderlich treu zu bleiben? Was wird geschehen, wenn auf einer Seite Reichthümer, Ehrenstellen und Vergnügungen mich reizen, auf der an- dern Armuth, Schmach und Martern mir drohen? Wenn jenes mir zu Theil werden soll, wenn ich Jesum verlasse, dieses aber, wenn ich ihm treu bleibe? Was werde ich unter diesen Umständen thun? Werde ich so edelmüthig, wie Moses, denken, und die Schmach Chri- sti für grössern Reichthum halten, als die Schätze der Welt? Was wird geschehen, wenn grosse Schmerzen mich martern? Werde ich dann nie an dem Schutze Got- tes verzagen oder anderwärts Trost suchen?
Wie viel Ursache habe ich doch, für mein Herz ban- ge zu seyn! Es kann auf unzählige Art geschehen, daß ich eben so treuloß gegen Jesum handle, wie seine Jün- ger gegen ihn handelten. Und bin ich so unglücklich, daß ich wankelmüthig in der Liebe Jesu worden bin, so bin ich in der grösten Gefahr, zu Grunde zu gehen. Mein Herz wird mich durch die peinlichsten Vorwürfe quälen. Und habe ich meinen Jesum einmal aus den Augen ver- lohren, so so ist es ein Leichtes, daß ich ihn alsdann, wo nicht freventlich verrathe, doch zaghaft verleugne, wenig-
stens
Jeſus von ſeinen Jüngern verlaſſen.
ſie es ein, wie ſchwach, wie verderbt, wie leichtſinnig ſie waren.
Ach, mein Heiland, ich will es nur bekonnen. Mein Herz iſt trotzig und verzagt. Auch ich kann dich leicht ver- laſſen und die dir zugeſchworne Treue aus den Augen ſe- tzen. Was wird geſchehen, wenn du mich zur Gemein- ſchaft deiner Leiden aufforderſt? Werde ich da wohl wil- lig und ſtark genug ſeyn, auch unter der Laſt des Creuzes dir nachzufolgen? Was wird geſchehen, wenn um mich her in muntern Geſellſchaften die Feinde deines Creuzes dich ſchmähen? Werde ich da Muth genug haben, dich öf- fentlich zu bekennen und unveränderlich treu zu bleiben? Was wird geſchehen, wenn auf einer Seite Reichthümer, Ehrenſtellen und Vergnügungen mich reizen, auf der an- dern Armuth, Schmach und Martern mir drohen? Wenn jenes mir zu Theil werden ſoll, wenn ich Jeſum verlaſſe, dieſes aber, wenn ich ihm treu bleibe? Was werde ich unter dieſen Umſtänden thun? Werde ich ſo edelmüthig, wie Moſes, denken, und die Schmach Chri- ſti für gröſſern Reichthum halten, als die Schätze der Welt? Was wird geſchehen, wenn groſſe Schmerzen mich martern? Werde ich dann nie an dem Schutze Got- tes verzagen oder anderwärts Troſt ſuchen?
Wie viel Urſache habe ich doch, für mein Herz ban- ge zu ſeyn! Es kann auf unzählige Art geſchehen, daß ich eben ſo treuloß gegen Jeſum handle, wie ſeine Jün- ger gegen ihn handelten. Und bin ich ſo unglücklich, daß ich wankelmüthig in der Liebe Jeſu worden bin, ſo bin ich in der gröſten Gefahr, zu Grunde zu gehen. Mein Herz wird mich durch die peinlichſten Vorwürfe quälen. Und habe ich meinen Jeſum einmal aus den Augen ver- lohren, ſo ſo iſt es ein Leichtes, daß ich ihn alsdann, wo nicht freventlich verrathe, doch zaghaft verleugne, wenig-
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Jeſus von ſeinen Jüngern verlaſſen.
ſie es ein, wie ſchwach, wie verderbt, wie leichtſinnig ſie
waren.
Ach, mein Heiland, ich will es nur bekonnen. Mein
Herz iſt trotzig und verzagt. Auch ich kann dich leicht ver-
laſſen und die dir zugeſchworne Treue aus den Augen ſe-
tzen. Was wird geſchehen, wenn du mich zur Gemein-
ſchaft deiner Leiden aufforderſt? Werde ich da wohl wil-
lig und ſtark genug ſeyn, auch unter der Laſt des Creuzes
dir nachzufolgen? Was wird geſchehen, wenn um mich
her in muntern Geſellſchaften die Feinde deines Creuzes dich
ſchmähen? Werde ich da Muth genug haben, dich öf-
fentlich zu bekennen und unveränderlich treu zu bleiben?
Was wird geſchehen, wenn auf einer Seite Reichthümer,
Ehrenſtellen und Vergnügungen mich reizen, auf der an-
dern Armuth, Schmach und Martern mir drohen?
Wenn jenes mir zu Theil werden ſoll, wenn ich Jeſum
verlaſſe, dieſes aber, wenn ich ihm treu bleibe? Was
werde ich unter dieſen Umſtänden thun? Werde ich ſo
edelmüthig, wie Moſes, denken, und die Schmach Chri-
ſti für gröſſern Reichthum halten, als die Schätze der
Welt? Was wird geſchehen, wenn groſſe Schmerzen
mich martern? Werde ich dann nie an dem Schutze Got-
tes verzagen oder anderwärts Troſt ſuchen?
Wie viel Urſache habe ich doch, für mein Herz ban-
ge zu ſeyn! Es kann auf unzählige Art geſchehen, daß
ich eben ſo treuloß gegen Jeſum handle, wie ſeine Jün-
ger gegen ihn handelten. Und bin ich ſo unglücklich, daß
ich wankelmüthig in der Liebe Jeſu worden bin, ſo bin ich
in der gröſten Gefahr, zu Grunde zu gehen. Mein
Herz wird mich durch die peinlichſten Vorwürfe quälen.
Und habe ich meinen Jeſum einmal aus den Augen ver-
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Sturm, Christoph Christian: Unterhaltung der Andacht über die Leidensgeschichte Jesu. 2. Aufl. Halle (Saale), 1775, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturm_unterhaltung_1781/65>, abgerufen am 16.02.2025.
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