ligte, meine Eigenliebe mir zulächelte, mein Herz sich seines Ge- fühls schmeichelte, und der Elende, den ich unterstützte, mir dank- bare Thränen zuweinte! Und wie? wenn die Welt, dieser Abgott des gewöhnlichen Menschen, dieser oft mehr als Gott gefürchtete Richter, meine Großmut nicht bemerkte? Wenn ich also um ihre süsse Belohnung kam? Würde ich da noch Herz genug gehabt haben, großmütig, wohlthuend zu seyn, blos auf Gott zu sehen, und um seinetwillen den Armen zu lieben? Nur dann erst war meine Handlung und ihre Quelle ohne Tadel!
Tugend genug! ruft öfters die welt, zumal wenn sie Vot- theil davon hat: aber die Religion untersucht die Ursachen meines Betragens, und vor dem allsehenden Richter bestehen die Gau- keleien nicht, womit ich die blödsichtigen Zuschauer der Erde ver- blenden kan.
Ewige Vorsehung! du hast mich auf einen Schauplatz gestel- let, wo es leicht ist, den Beifall der Zuschauer zu verdienen! wo ich so gar oft in einem falschen Licht erscheinen und dennoch schim- mern kan! Nur du bist der einzige, der erleuchtete Richter mei- ner Tugenden! Laß mich stets den wichtigen Gedanken ver Augen haben, daß mein Herz, meine Eigenliebe, mein Stolz und der Bei- fall der Welt mich hintergehen können! Laß mich mißtrauisch in meine eigene Tugend, und billig gegen fremde seyn. Auf dich laß mich stets sehen, sonst handle ich nie ganz rein und unschuldig. Uebereinstimmig mit dir und deinen Geboten, Herr! dabei kan ich den Beifall zujauchzender Sünder entbehren. Jhre Bewunderung begleitet uns nur bis ans Schlafgemach, wo sie uns dir überlassen, und vieleicht spöttisch von dannen gehn. Wie weit bleiben sie nicht von unserm Grabe stehn, und verwandeln ihren Lobspruch in Hohn! Weg mit dieser Kost der Ohren: ich begehre nur deinen Beifall, mein Gott! Jst mein jetziger Gottesdienst eine Würkung meiner Liebe und meines Gehorsams gegen deine Befehle; so ver- sagest du mir deinen Beifall nicht, und erhörest meine Bitten für eine sanfte Nacht und für die Beschützung der Meinigen.
Der
Der 17te Mai.
ligte, meine Eigenliebe mir zulaͤchelte, mein Herz ſich ſeines Ge- fuͤhls ſchmeichelte, und der Elende, den ich unterſtuͤtzte, mir dank- bare Thraͤnen zuweinte! Und wie? wenn die Welt, dieſer Abgott des gewoͤhnlichen Menſchen, dieſer oft mehr als Gott gefuͤrchtete Richter, meine Großmut nicht bemerkte? Wenn ich alſo um ihre ſuͤſſe Belohnung kam? Wuͤrde ich da noch Herz genug gehabt haben, großmuͤtig, wohlthuend zu ſeyn, blos auf Gott zu ſehen, und um ſeinetwillen den Armen zu lieben? Nur dann erſt war meine Handlung und ihre Quelle ohne Tadel!
Tugend genug! ruft oͤfters die welt, zumal wenn ſie Vot- theil davon hat: aber die Religion unterſucht die Urſachen meines Betragens, und vor dem allſehenden Richter beſtehen die Gau- keleien nicht, womit ich die bloͤdſichtigen Zuſchauer der Erde ver- blenden kan.
Ewige Vorſehung! du haſt mich auf einen Schauplatz geſtel- let, wo es leicht iſt, den Beifall der Zuſchauer zu verdienen! wo ich ſo gar oft in einem falſchen Licht erſcheinen und dennoch ſchim- mern kan! Nur du biſt der einzige, der erleuchtete Richter mei- ner Tugenden! Laß mich ſtets den wichtigen Gedanken ver Augen haben, daß mein Herz, meine Eigenliebe, mein Stolz und der Bei- fall der Welt mich hintergehen koͤnnen! Laß mich mißtrauiſch in meine eigene Tugend, und billig gegen fremde ſeyn. Auf dich laß mich ſtets ſehen, ſonſt handle ich nie ganz rein und unſchuldig. Uebereinſtimmig mit dir und deinen Geboten, Herr! dabei kan ich den Beifall zujauchzender Suͤnder entbehren. Jhre Bewunderung begleitet uns nur bis ans Schlafgemach, wo ſie uns dir uͤberlaſſen, und vieleicht ſpoͤttiſch von dannen gehn. Wie weit bleiben ſie nicht von unſerm Grabe ſtehn, und verwandeln ihren Lobſpruch in Hohn! Weg mit dieſer Koſt der Ohren: ich begehre nur deinen Beifall, mein Gott! Jſt mein jetziger Gottesdienſt eine Wuͤrkung meiner Liebe und meines Gehorſams gegen deine Befehle; ſo ver- ſageſt du mir deinen Beifall nicht, und erhoͤreſt meine Bitten fuͤr eine ſanfte Nacht und fuͤr die Beſchuͤtzung der Meinigen.
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[286[316]/0323]
Der 17te Mai.
ligte, meine Eigenliebe mir zulaͤchelte, mein Herz ſich ſeines Ge-
fuͤhls ſchmeichelte, und der Elende, den ich unterſtuͤtzte, mir dank-
bare Thraͤnen zuweinte! Und wie? wenn die Welt, dieſer Abgott
des gewoͤhnlichen Menſchen, dieſer oft mehr als Gott gefuͤrchtete
Richter, meine Großmut nicht bemerkte? Wenn ich alſo um ihre
ſuͤſſe Belohnung kam? Wuͤrde ich da noch Herz genug gehabt
haben, großmuͤtig, wohlthuend zu ſeyn, blos auf Gott zu ſehen,
und um ſeinetwillen den Armen zu lieben? Nur dann erſt war
meine Handlung und ihre Quelle ohne Tadel!
Tugend genug! ruft oͤfters die welt, zumal wenn ſie Vot-
theil davon hat: aber die Religion unterſucht die Urſachen meines
Betragens, und vor dem allſehenden Richter beſtehen die Gau-
keleien nicht, womit ich die bloͤdſichtigen Zuſchauer der Erde ver-
blenden kan.
Ewige Vorſehung! du haſt mich auf einen Schauplatz geſtel-
let, wo es leicht iſt, den Beifall der Zuſchauer zu verdienen! wo
ich ſo gar oft in einem falſchen Licht erſcheinen und dennoch ſchim-
mern kan! Nur du biſt der einzige, der erleuchtete Richter mei-
ner Tugenden! Laß mich ſtets den wichtigen Gedanken ver Augen
haben, daß mein Herz, meine Eigenliebe, mein Stolz und der Bei-
fall der Welt mich hintergehen koͤnnen! Laß mich mißtrauiſch in
meine eigene Tugend, und billig gegen fremde ſeyn. Auf dich laß
mich ſtets ſehen, ſonſt handle ich nie ganz rein und unſchuldig.
Uebereinſtimmig mit dir und deinen Geboten, Herr! dabei kan ich
den Beifall zujauchzender Suͤnder entbehren. Jhre Bewunderung
begleitet uns nur bis ans Schlafgemach, wo ſie uns dir uͤberlaſſen,
und vieleicht ſpoͤttiſch von dannen gehn. Wie weit bleiben ſie nicht
von unſerm Grabe ſtehn, und verwandeln ihren Lobſpruch in
Hohn! Weg mit dieſer Koſt der Ohren: ich begehre nur deinen
Beifall, mein Gott! Jſt mein jetziger Gottesdienſt eine Wuͤrkung
meiner Liebe und meines Gehorſams gegen deine Befehle; ſo ver-
ſageſt du mir deinen Beifall nicht, und erhoͤreſt meine Bitten fuͤr
eine ſanfte Nacht und fuͤr die Beſchuͤtzung der Meinigen.
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Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 286[316]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/323>, abgerufen am 16.02.2025.
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