Ungern-Sternberg, Alexander von: Scholastika. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 20. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–102. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.fernten sich gähnend, denn für sie war keine Freude und keine Zerstreuung mehr zu hoffen. Vor ihrer Staffelei saß Scholastika und malte eifrig bei Lampenlichte an dem noch unvollendeten Gewande. Sie legte den Pinsel und die Palette erst nieder, als sie völlig erschöpft und das Bild vollendet war. Obgleich es gegen Morgen ging, war die finstere Winternacht noch lange nicht beendet. Der Sturm hatte nachgelassen, das Schneegestöber war einem klaren Sternenhimmel gewichen. Das Lager der Nonne, auf dem sie ruhte, stand so, daß sie einen großen Theil dieses mit Millionen funkelnden Lichtpunkten besäeten Himmels übersehen konnte. Auf dem Gerüste der Staffelei brannte noch die Lampe und warf ein bleiches Licht auf die Züge der Heiligen. Sie zeigte jene Physiognomie, wie Feodora sie beschrieben hatte, starr, unbeholfen in den Linien und Formen, aber nicht kalt. Bei dieser Beleuchtung gewann die Tafel ein eigenthümliches Leben. Die in ganzer Figur dargestellte Märtyrin Apollonia von Tyrus schien aus dem Dunkel heraustreten zu wollen, so glänzend weiß hob sich das rechte Knie im flatternden Gewande, das der Nachtwind zu bewegen schien. Die junge Nonne heftete kummervoll ihre Blicke auf das Werk ihrer Hände. Sollte ich, rief sie bei sich, wieder ein thörichtes und mißfälliges Leben in diese Gestalt gebracht haben? fernten sich gähnend, denn für sie war keine Freude und keine Zerstreuung mehr zu hoffen. Vor ihrer Staffelei saß Scholastika und malte eifrig bei Lampenlichte an dem noch unvollendeten Gewande. Sie legte den Pinsel und die Palette erst nieder, als sie völlig erschöpft und das Bild vollendet war. Obgleich es gegen Morgen ging, war die finstere Winternacht noch lange nicht beendet. Der Sturm hatte nachgelassen, das Schneegestöber war einem klaren Sternenhimmel gewichen. Das Lager der Nonne, auf dem sie ruhte, stand so, daß sie einen großen Theil dieses mit Millionen funkelnden Lichtpunkten besäeten Himmels übersehen konnte. Auf dem Gerüste der Staffelei brannte noch die Lampe und warf ein bleiches Licht auf die Züge der Heiligen. Sie zeigte jene Physiognomie, wie Feodora sie beschrieben hatte, starr, unbeholfen in den Linien und Formen, aber nicht kalt. Bei dieser Beleuchtung gewann die Tafel ein eigenthümliches Leben. Die in ganzer Figur dargestellte Märtyrin Apollonia von Tyrus schien aus dem Dunkel heraustreten zu wollen, so glänzend weiß hob sich das rechte Knie im flatternden Gewande, das der Nachtwind zu bewegen schien. Die junge Nonne heftete kummervoll ihre Blicke auf das Werk ihrer Hände. Sollte ich, rief sie bei sich, wieder ein thörichtes und mißfälliges Leben in diese Gestalt gebracht haben? <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0036"/> fernten sich gähnend, denn für sie war keine Freude und keine Zerstreuung mehr zu hoffen.</p><lb/> </div> <div n="2"> <p>Vor ihrer Staffelei saß Scholastika und malte eifrig bei Lampenlichte an dem noch unvollendeten Gewande. Sie legte den Pinsel und die Palette erst nieder, als sie völlig erschöpft und das Bild vollendet war. Obgleich es gegen Morgen ging, war die finstere Winternacht noch lange nicht beendet. Der Sturm hatte nachgelassen, das Schneegestöber war einem klaren Sternenhimmel gewichen. Das Lager der Nonne, auf dem sie ruhte, stand so, daß sie einen großen Theil dieses mit Millionen funkelnden Lichtpunkten besäeten Himmels übersehen konnte. Auf dem Gerüste der Staffelei brannte noch die Lampe und warf ein bleiches Licht auf die Züge der Heiligen. Sie zeigte jene Physiognomie, wie Feodora sie beschrieben hatte, starr, unbeholfen in den Linien und Formen, aber nicht kalt. Bei dieser Beleuchtung gewann die Tafel ein eigenthümliches Leben. Die in ganzer Figur dargestellte Märtyrin Apollonia von Tyrus schien aus dem Dunkel heraustreten zu wollen, so glänzend weiß hob sich das rechte Knie im flatternden Gewande, das der Nachtwind zu bewegen schien. Die junge Nonne heftete kummervoll ihre Blicke auf das Werk ihrer Hände. Sollte ich, rief sie bei sich, wieder ein thörichtes und mißfälliges Leben in diese Gestalt gebracht haben?<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0036]
fernten sich gähnend, denn für sie war keine Freude und keine Zerstreuung mehr zu hoffen.
Vor ihrer Staffelei saß Scholastika und malte eifrig bei Lampenlichte an dem noch unvollendeten Gewande. Sie legte den Pinsel und die Palette erst nieder, als sie völlig erschöpft und das Bild vollendet war. Obgleich es gegen Morgen ging, war die finstere Winternacht noch lange nicht beendet. Der Sturm hatte nachgelassen, das Schneegestöber war einem klaren Sternenhimmel gewichen. Das Lager der Nonne, auf dem sie ruhte, stand so, daß sie einen großen Theil dieses mit Millionen funkelnden Lichtpunkten besäeten Himmels übersehen konnte. Auf dem Gerüste der Staffelei brannte noch die Lampe und warf ein bleiches Licht auf die Züge der Heiligen. Sie zeigte jene Physiognomie, wie Feodora sie beschrieben hatte, starr, unbeholfen in den Linien und Formen, aber nicht kalt. Bei dieser Beleuchtung gewann die Tafel ein eigenthümliches Leben. Die in ganzer Figur dargestellte Märtyrin Apollonia von Tyrus schien aus dem Dunkel heraustreten zu wollen, so glänzend weiß hob sich das rechte Knie im flatternden Gewande, das der Nachtwind zu bewegen schien. Die junge Nonne heftete kummervoll ihre Blicke auf das Werk ihrer Hände. Sollte ich, rief sie bei sich, wieder ein thörichtes und mißfälliges Leben in diese Gestalt gebracht haben?
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