Homerus: Odüssee übersezt von Johann Heinrich Voß. Hamburg, 1781.Vierzehnter Gesang. Noch ein Feiger im Kriege! Doch nun ist alles vergangen!Dennoch glaub' ich, du wirst noch aus der Stoppel die Aehre Kennen; denn ach! es drückte mich sehr viel Drangsal zu Boden! 215 Wahrlich, Entschloßenheit hatte mir Aräs verliehn und Athänä, Und vertilgende Kraft! Wann ich, dem Feinde zu schaden, Mit erlesenen Helden im Hinterhalte versteckt lag; Schwebte mir nimmer des Todes Bild vor der mutigen Seele: Sondern ich sprang zuerst von allen hervor, und streckte 220 Jeglichen Feind in den Staub, den meine Schenkel ereilten. Also focht ich im Krieg', und liebte weder den Feldbau, Noch die Sorge des Hauses, und blühender Kinder Erziehung; Aber das Ruderschiff war meine Freude beständig, Schlachtengetös' und blinkende Speer' und gefiederte Pfeile: 225 Lauter schreckliche Dinge, die andre mit Grauen erfüllen! Aber ich liebte, was Gott in meine Seele geleget; Denn dem einen gefällt dies Werk, dem anderen jenes. Eh der Achaier Söhne gen Troja waren gesegelt, Führt' ich neunmal Männer in schnellgeruderten Schiffen 230 Gegen entlegene Völker, und kehrte mit Beute zur Heimat. Hievon nahm ich zuerst das schönste Kleinod, und vieles Theilte das Loos mir zu. So mehrte sich schnell mein Vermögen, Und ich ward geehrt und hochgeachtet in Kräta. Aber da Zeus Vorsehung die jammerbringende Kriegsfahrt 235 Ordnete, welche das Leben so vieler Männer geraubt hat; Da befahlen sie mir, mit Idomeneus, unserm Beherscher, Führer der Schiffe zu sein gen Ilios; alle Versuche Mich zu befrein mislangen; mich schreckte der Tadel des Volkes. Und neun blutige Jahre durchkämpften wir Söhne der Griechen; 240 Vierzehnter Geſang. Noch ein Feiger im Kriege! Doch nun iſt alles vergangen!Dennoch glaub' ich, du wirſt noch aus der Stoppel die Aehre Kennen; denn ach! es druͤckte mich ſehr viel Drangſal zu Boden! 215 Wahrlich, Entſchloßenheit hatte mir Araͤs verliehn und Athaͤnaͤ, Und vertilgende Kraft! Wann ich, dem Feinde zu ſchaden, Mit erleſenen Helden im Hinterhalte verſteckt lag; Schwebte mir nimmer des Todes Bild vor der mutigen Seele: Sondern ich ſprang zuerſt von allen hervor, und ſtreckte 220 Jeglichen Feind in den Staub, den meine Schenkel ereilten. Alſo focht ich im Krieg', und liebte weder den Feldbau, Noch die Sorge des Hauſes, und bluͤhender Kinder Erziehung; Aber das Ruderſchiff war meine Freude beſtaͤndig, Schlachtengetoͤſ' und blinkende Speer' und gefiederte Pfeile: 225 Lauter ſchreckliche Dinge, die andre mit Grauen erfuͤllen! Aber ich liebte, was Gott in meine Seele geleget; Denn dem einen gefaͤllt dies Werk, dem anderen jenes. Eh der Achaier Soͤhne gen Troja waren geſegelt, Fuͤhrt' ich neunmal Maͤnner in ſchnellgeruderten Schiffen 230 Gegen entlegene Voͤlker, und kehrte mit Beute zur Heimat. Hievon nahm ich zuerſt das ſchoͤnſte Kleinod, und vieles Theilte das Loos mir zu. So mehrte ſich ſchnell mein Vermoͤgen, Und ich ward geehrt und hochgeachtet in Kraͤta. Aber da Zeus Vorſehung die jammerbringende Kriegsfahrt 235 Ordnete, welche das Leben ſo vieler Maͤnner geraubt hat; Da befahlen ſie mir, mit Idomeneus, unſerm Beherſcher, Fuͤhrer der Schiffe zu ſein gen Ilios; alle Verſuche Mich zu befrein mislangen; mich ſchreckte der Tadel des Volkes. Und neun blutige Jahre durchkaͤmpften wir Soͤhne der Griechen; 240 <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0277" n="271"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Vierzehnter Geſang.</hi></fw><lb/> Noch ein Feiger im Kriege! 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Vierzehnter Geſang.
Noch ein Feiger im Kriege! Doch nun iſt alles vergangen!
Dennoch glaub' ich, du wirſt noch aus der Stoppel die Aehre
Kennen; denn ach! es druͤckte mich ſehr viel Drangſal zu Boden!
Wahrlich, Entſchloßenheit hatte mir Araͤs verliehn und Athaͤnaͤ,
Und vertilgende Kraft! Wann ich, dem Feinde zu ſchaden,
Mit erleſenen Helden im Hinterhalte verſteckt lag;
Schwebte mir nimmer des Todes Bild vor der mutigen Seele:
Sondern ich ſprang zuerſt von allen hervor, und ſtreckte
Jeglichen Feind in den Staub, den meine Schenkel ereilten.
Alſo focht ich im Krieg', und liebte weder den Feldbau,
Noch die Sorge des Hauſes, und bluͤhender Kinder Erziehung;
Aber das Ruderſchiff war meine Freude beſtaͤndig,
Schlachtengetoͤſ' und blinkende Speer' und gefiederte Pfeile:
Lauter ſchreckliche Dinge, die andre mit Grauen erfuͤllen!
Aber ich liebte, was Gott in meine Seele geleget;
Denn dem einen gefaͤllt dies Werk, dem anderen jenes.
Eh der Achaier Soͤhne gen Troja waren geſegelt,
Fuͤhrt' ich neunmal Maͤnner in ſchnellgeruderten Schiffen
Gegen entlegene Voͤlker, und kehrte mit Beute zur Heimat.
Hievon nahm ich zuerſt das ſchoͤnſte Kleinod, und vieles
Theilte das Loos mir zu. So mehrte ſich ſchnell mein Vermoͤgen,
Und ich ward geehrt und hochgeachtet in Kraͤta.
Aber da Zeus Vorſehung die jammerbringende Kriegsfahrt
Ordnete, welche das Leben ſo vieler Maͤnner geraubt hat;
Da befahlen ſie mir, mit Idomeneus, unſerm Beherſcher,
Fuͤhrer der Schiffe zu ſein gen Ilios; alle Verſuche
Mich zu befrein mislangen; mich ſchreckte der Tadel des Volkes.
Und neun blutige Jahre durchkaͤmpften wir Soͤhne der Griechen;
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