Zschokke, Heinrich: Der todte Gast. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [59]–219. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.Waldrich's Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichern verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermuthete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den Andern noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu thun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr, als die Uebrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend davon den Grund erforschen. Waldrich hatte in der That keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er Abends zum Thee gerufen wurde, fand er im Zimmer Niemanden, als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Shawl ab. Waldrich trat zu ihr. Fräulein, sagte er, ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten. Waldrich's Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichern verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermuthete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den Andern noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu thun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr, als die Uebrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend davon den Grund erforschen. Waldrich hatte in der That keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er Abends zum Thee gerufen wurde, fand er im Zimmer Niemanden, als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Shawl ab. Waldrich trat zu ihr. Fräulein, sagte er, ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten. <TEI> <text> <body> <div type="chapter" n="3"> <p><pb facs="#f0018"/> Waldrich's Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichern verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermuthete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den Andern noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu thun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr, als die Uebrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend davon den Grund erforschen.</p><lb/> <p>Waldrich hatte in der That keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er Abends zum Thee gerufen wurde, fand er im Zimmer Niemanden, als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Shawl ab. Waldrich trat zu ihr.</p><lb/> <p>Fräulein, sagte er, ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten.</p><lb/> </div> </body> </text> </TEI> [0018]
Waldrich's Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichern verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermuthete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den Andern noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu thun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr, als die Uebrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend davon den Grund erforschen.
Waldrich hatte in der That keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er Abends zum Thee gerufen wurde, fand er im Zimmer Niemanden, als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Shawl ab. Waldrich trat zu ihr.
Fräulein, sagte er, ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten.
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