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Klepperbein, Vertraugott: Den Todt im Leben Und das Leben im Tode. Schlichtingsheim (Oder), 1693.

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Abdanckungs-Rede.
umb sie sich für dem Tode entsetzen. Der dem Augenschein
nach dem Tode nahe als ein Krancker/ oder/ so er von ihm
fern als ein Gesunder wüntschen länger zu leben. Theils
locket sie manche fröliche vergnügte Stunde/ die sie in der
Welt gehabt/ zurücke; Sie wolten gerne auf den Früh-
ling ihrer/ Jahre/ auch den Sommer und Herbst ihres
Lebens erleben; Der Tod kommt ihnen allezeit gar zu zei-
tig; Wenn die bösen Tage kommen würden/ wolten sie wil-
lig folgen zu dem besseren des Himmels. Sie wolten ihre
Feinde noch überwinden/ und der gutten Freunde/ nebst
den guten Tagen/ noch länger geniessen: Jhre liebe Söh-
ne befödert/ ihre Töchter verheyrathet/ und sie alle in er-
wüntschtem Wohlstande zu sehen/ hält sie auch auf/ noch
ein wenig zu leben. Sie haben noch etwas im Sinn/ ehe
sie sterben/ außzurichten; Bald haben sie eine Lust zu
bauen/ zn reisen/ zu handeln/ und müssen doch erfahren/
daß an ihrer Hoffnung und Wuntsch/ viel zurücke geblie-
ben/ und der Tod das Vornehmen unterbreche. Jch
muß auch gestehen/ daß manchmahl/ auch bey denen Gott-
seeligen/ solche natürliche Abwechselungen gefunden wer-
den: Da sie bald von der himmlischen Liebe entzündet/ auß-
ruffen: HERR hohl mich heim/ nihm mich zu dir. Ach
HERR/ wie lange! Ach wären wir da! Und mit des
Augustini Mutter: Evolemus! Bald aber zeucht sie ein
natürlicher Liebes-Trieb zum Leben zurücke/ daß sie an-
ders anstimmen: Soll ich allhier noch länger leben/ nicht
wieder streben. Wenn mir GOtt das Leben noch ein we-
nig fristen wolte. Ach möcht ich biß Morgen leben! Die
Ursache aller solcher Wüntsche/ ist die Liebe zum Leben/ das

Leben

Abdanckungs-Rede.
umb ſie ſich fuͤr dem Tode entſetzen. Der dem Augenſchein
nach dem Tode nahe als ein Krancker/ oder/ ſo er von ihm
fern als ein Geſunder wuͤntſchen laͤnger zu leben. Theils
locket ſie manche froͤliche vergnuͤgte Stunde/ die ſie in der
Welt gehabt/ zuruͤcke; Sie wolten gerne auf den Fruͤh-
ling ihrer/ Jahre/ auch den Sommer und Herbſt ihres
Lebens erleben; Der Tod kom̃t ihnen allezeit gar zu zei-
tig; Weñ die boͤſen Tage kommen wuͤrden/ wolten ſie wil-
lig folgen zu dem beſſeren des Himmels. Sie wolten ihre
Feinde noch uͤberwinden/ und der gutten Freunde/ nebſt
den guten Tagen/ noch laͤnger genieſſen: Jhre liebe Soͤh-
ne befoͤdert/ ihre Toͤchter verheyrathet/ und ſie alle in er-
wuͤntſchtem Wohlſtande zu ſehen/ haͤlt ſie auch auf/ noch
ein wenig zu leben. Sie haben noch etwas im Sinn/ ehe
ſie ſterben/ außzurichten; Bald haben ſie eine Luſt zu
bauen/ zn reiſen/ zu handeln/ und muͤſſen doch erfahren/
daß an ihrer Hoffnung und Wuntſch/ viel zuruͤcke geblie-
ben/ und der Tod das Vornehmen unterbreche. Jch
muß auch geſtehen/ daß manchmahl/ auch bey denen Gott-
ſeeligen/ ſolche natuͤrliche Abwechſelungen gefunden wer-
den: Da ſie bald von der him̃liſchen Liebe entzuͤndet/ auß-
ruffen: HERR hohl mich heim/ nihm mich zu dir. Ach
HERR/ wie lange! Ach waͤren wir da! Und mit des
Auguſtini Mutter: Evolemus! Bald aber zeucht ſie ein
natuͤrlicher Liebes-Trieb zum Leben zuruͤcke/ daß ſie an-
ders anſtimmen: Soll ich allhier noch laͤnger leben/ nicht
wieder ſtreben. Wenn mir GOtt das Leben noch ein we-
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[32/0032] Abdanckungs-Rede. umb ſie ſich fuͤr dem Tode entſetzen. Der dem Augenſchein nach dem Tode nahe als ein Krancker/ oder/ ſo er von ihm fern als ein Geſunder wuͤntſchen laͤnger zu leben. Theils locket ſie manche froͤliche vergnuͤgte Stunde/ die ſie in der Welt gehabt/ zuruͤcke; Sie wolten gerne auf den Fruͤh- ling ihrer/ Jahre/ auch den Sommer und Herbſt ihres Lebens erleben; Der Tod kom̃t ihnen allezeit gar zu zei- tig; Weñ die boͤſen Tage kommen wuͤrden/ wolten ſie wil- lig folgen zu dem beſſeren des Himmels. Sie wolten ihre Feinde noch uͤberwinden/ und der gutten Freunde/ nebſt den guten Tagen/ noch laͤnger genieſſen: Jhre liebe Soͤh- ne befoͤdert/ ihre Toͤchter verheyrathet/ und ſie alle in er- wuͤntſchtem Wohlſtande zu ſehen/ haͤlt ſie auch auf/ noch ein wenig zu leben. Sie haben noch etwas im Sinn/ ehe ſie ſterben/ außzurichten; Bald haben ſie eine Luſt zu bauen/ zn reiſen/ zu handeln/ und muͤſſen doch erfahren/ daß an ihrer Hoffnung und Wuntſch/ viel zuruͤcke geblie- ben/ und der Tod das Vornehmen unterbreche. Jch muß auch geſtehen/ daß manchmahl/ auch bey denen Gott- ſeeligen/ ſolche natuͤrliche Abwechſelungen gefunden wer- den: Da ſie bald von der him̃liſchen Liebe entzuͤndet/ auß- ruffen: HERR hohl mich heim/ nihm mich zu dir. Ach HERR/ wie lange! Ach waͤren wir da! Und mit des Auguſtini Mutter: Evolemus! Bald aber zeucht ſie ein natuͤrlicher Liebes-Trieb zum Leben zuruͤcke/ daß ſie an- ders anſtimmen: Soll ich allhier noch laͤnger leben/ nicht wieder ſtreben. Wenn mir GOtt das Leben noch ein we- nig friſten wolte. Ach moͤcht ich biß Morgen leben! Die Urſache aller ſolcher Wuͤntſche/ iſt die Liebe zum Leben/ das Leben

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Zitationshilfe: Klepperbein, Vertraugott: Den Todt im Leben Und das Leben im Tode. Schlichtingsheim (Oder), 1693, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/359522/32>, abgerufen am 04.12.2022.