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Alexis, Willibald: Iblou. In: Ders.: Gesammelte Novellen. Erster Band. Berlin, 1830, S. 1–100.

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wenigen Minuten waren mir die Gesichtszüge des Vor-
übereilenden wie eingebrannt vor den Augen. Eine
gewölbte große Nase, tief liegende, von dunkeln Brauen
beschattete Augen, Feuer sprühend, eingefallene Wangen
und ein krampfhaft verzerrter Mund. Der Mann war
mehr als gewöhnlich groß, und trug das blaue Ober-
hemde der französischen Landleute; eine hohe Soldaten-
mütze hatte er bis über die Augen gedrückt. -- Es
war ein lebendiges Wesen, das wußte ich nun, und
den jungen Soldaten peinigte jetzt die Scham, daß ihn
Träumereien von seiner Pflicht, den verdächtigen Men-
schen festzunehmen, abgehalten hatten. War der Mann
von den hinter mir stehenden Posten aufgefangen, wo-
mit sollte ich meine Nachlässigkeit rechtfertigen? -- Os-
sianische Geister dürfen vor keinem Preußischen Kriegsge-
richt erscheinen. Man kann sich vorstellen, daß ich
meine Aufmerksamkeit verdoppelte, und mit erleichter-
tem Herzen vom Posten gieng, als nach der Ablösung
bei einbrechender Nacht ich von meinen Freunden nichts
Verdächtiges erfuhr.

Jm zweiten Befreiungskriege waren die Schaaren
der freiwilligen Jäger nicht mehr aus so reinen Be-
standtheilen zusammengesetzt, als dies im ersten der
Fall gewesen. Damals bestanden diese Volontairba-
taillone zum großen Theil aus Beamten, Studenten,
Künstlern, Schülern. Alle erschienen aus eigenen Mit-

wenigen Minuten waren mir die Geſichtszüge des Vor-
übereilenden wie eingebrannt vor den Augen. Eine
gewölbte große Naſe, tief liegende, von dunkeln Brauen
beſchattete Augen, Feuer ſprühend, eingefallene Wangen
und ein krampfhaft verzerrter Mund. Der Mann war
mehr als gewöhnlich groß, und trug das blaue Ober-
hemde der franzöſiſchen Landleute; eine hohe Soldaten-
mütze hatte er bis über die Augen gedrückt. — Es
war ein lebendiges Weſen, das wußte ich nun, und
den jungen Soldaten peinigte jetzt die Scham, daß ihn
Träumereien von ſeiner Pflicht, den verdächtigen Men-
ſchen feſtzunehmen, abgehalten hatten. War der Mann
von den hinter mir ſtehenden Poſten aufgefangen, wo-
mit ſollte ich meine Nachläſſigkeit rechtfertigen? — Oſ-
ſianiſche Geiſter dürfen vor keinem Preußiſchen Kriegsge-
richt erſcheinen. Man kann ſich vorſtellen, daß ich
meine Aufmerkſamkeit verdoppelte, und mit erleichter-
tem Herzen vom Poſten gieng, als nach der Ablöſung
bei einbrechender Nacht ich von meinen Freunden nichts
Verdächtiges erfuhr.

Jm zweiten Befreiungskriege waren die Schaaren
der freiwilligen Jäger nicht mehr aus ſo reinen Be-
ſtandtheilen zuſammengeſetzt, als dies im erſten der
Fall geweſen. Damals beſtanden dieſe Volontairba-
taillone zum großen Theil aus Beamten, Studenten,
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[0011] wenigen Minuten waren mir die Geſichtszüge des Vor- übereilenden wie eingebrannt vor den Augen. Eine gewölbte große Naſe, tief liegende, von dunkeln Brauen beſchattete Augen, Feuer ſprühend, eingefallene Wangen und ein krampfhaft verzerrter Mund. Der Mann war mehr als gewöhnlich groß, und trug das blaue Ober- hemde der franzöſiſchen Landleute; eine hohe Soldaten- mütze hatte er bis über die Augen gedrückt. — Es war ein lebendiges Weſen, das wußte ich nun, und den jungen Soldaten peinigte jetzt die Scham, daß ihn Träumereien von ſeiner Pflicht, den verdächtigen Men- ſchen feſtzunehmen, abgehalten hatten. War der Mann von den hinter mir ſtehenden Poſten aufgefangen, wo- mit ſollte ich meine Nachläſſigkeit rechtfertigen? — Oſ- ſianiſche Geiſter dürfen vor keinem Preußiſchen Kriegsge- richt erſcheinen. Man kann ſich vorſtellen, daß ich meine Aufmerkſamkeit verdoppelte, und mit erleichter- tem Herzen vom Poſten gieng, als nach der Ablöſung bei einbrechender Nacht ich von meinen Freunden nichts Verdächtiges erfuhr. Jm zweiten Befreiungskriege waren die Schaaren der freiwilligen Jäger nicht mehr aus ſo reinen Be- ſtandtheilen zuſammengeſetzt, als dies im erſten der Fall geweſen. Damals beſtanden dieſe Volontairba- taillone zum großen Theil aus Beamten, Studenten, Künſtlern, Schülern. Alle erſchienen aus eigenen Mit-

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Zitationshilfe: Alexis, Willibald: Iblou. In: Ders.: Gesammelte Novellen. Erster Band. Berlin, 1830, S. 1–100, hier S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/alexis_iblou_1830/11>, abgerufen am 04.02.2023.