gen sein Blut zu trinken giebt. Das Ende der Predigt hörte ich aus als ich hineinkam, ich weiß nicht, wars der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben über¬ florten Zierrathen und Kränze von Golddrath, die fri¬ schen Sträußer daneben, von Rosen und gelben Lilien und die düsteren Scheiben, wo oben grad über dem Pelikan die dunkelrothen und gelben Scheiben die Son¬ nenstrahlen färben. Der Geistliche war ein Franziska¬ ner aus dem Kloster bei Rauenthal. "Wenn ich jetzt von Unglück sprechen höre, so fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jüngling sagte, der un¬ ter seine Jünger wollte aufgenommen werden: die Füchse haben Gruben, die Vögel des Himmels haben ihre Ne¬ ster, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da er sein Haupt hinlege. -- Ich frage Euch, ob durch diese Worte allein, nicht schon alles Unglück gebannt ist? -- Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen Gefährten, der ihm sein irdisch Leben heimathlich gemacht hätte, und doch wollen wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder aufrichten, finden es nicht der Mühe werth, ins Leben uns zu wagen, werden matt wie ein Schlaf¬ trunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jesu sein wollen, wenn die Noth uns trifft? sollten wir
gen ſein Blut zu trinken giebt. Das Ende der Predigt hörte ich aus als ich hineinkam, ich weiß nicht, wars der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben über¬ florten Zierrathen und Kränze von Golddrath, die fri¬ ſchen Sträußer daneben, von Roſen und gelben Lilien und die düſteren Scheiben, wo oben grad über dem Pelikan die dunkelrothen und gelben Scheiben die Son¬ nenſtrahlen färben. Der Geiſtliche war ein Franziska¬ ner aus dem Kloſter bei Rauenthal. „Wenn ich jetzt von Unglück ſprechen höre, ſo fallen mir immer die Worte Jeſu ein, der zu einem Jüngling ſagte, der un¬ ter ſeine Jünger wollte aufgenommen werden: die Füchſe haben Gruben, die Vögel des Himmels haben ihre Ne¬ ſter, aber des Menſchen Sohn hat keinen Stein, da er ſein Haupt hinlege. — Ich frage Euch, ob durch dieſe Worte allein, nicht ſchon alles Unglück gebannt iſt? — Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen Gefährten, der ihm ſein irdiſch Leben heimathlich gemacht hätte, und doch wollen wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder aufrichten, finden es nicht der Mühe werth, ins Leben uns zu wagen, werden matt wie ein Schlaf¬ trunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jeſu ſein wollen, wenn die Noth uns trifft? ſollten wir
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gen ſein Blut zu trinken giebt. Das Ende der Predigt
hörte ich aus als ich hineinkam, ich weiß nicht, wars
der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben über¬
florten Zierrathen und Kränze von Golddrath, die fri¬
ſchen Sträußer daneben, von Roſen und gelben Lilien
und die düſteren Scheiben, wo oben grad über dem
Pelikan die dunkelrothen und gelben Scheiben die Son¬
nenſtrahlen färben. Der Geiſtliche war ein Franziska¬
ner aus dem Kloſter bei Rauenthal. „Wenn ich jetzt
von Unglück ſprechen höre, ſo fallen mir immer die
Worte Jeſu ein, der zu einem Jüngling ſagte, der un¬
ter ſeine Jünger wollte aufgenommen werden: die Füchſe
haben Gruben, die Vögel des Himmels haben ihre Ne¬
ſter, aber des Menſchen Sohn hat keinen Stein, da er
ſein Haupt hinlege. — Ich frage Euch, ob durch dieſe
Worte allein, nicht ſchon alles Unglück gebannt iſt? —
Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger
einen Gefährten, der ihm ſein irdiſch Leben heimathlich
gemacht hätte, und doch wollen wir klagen, wenn uns
ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht
wieder aufrichten, finden es nicht der Mühe werth, ins
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trunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jeſu
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Arnim, Bettina von: Die Günderode. Bd. 1. Grünberg u. a., 1840, S. 58. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_guenderode01_1840/74>, abgerufen am 24.11.2024.
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