Braun, Karl: Die Vagabundenfrage. Berlin, 1883.erzeugt waren, künstlich zu unehelichen; man prägte ihnen un- Dann sagt Herr Dr. Windthorst wörtlich: "Im Zusammen- Dann kommt, was man bei Herrn Windthorst zu erwarten Damit hat die Vagabundenfrage gar keinen Zusammenhang. Dann kommt Herr Windthorst zu der Hauptanklage; und "Daß diese mit der Vagabondage im Wechselverhältniß erzeugt waren, künstlich zu unehelichen; man prägte ihnen un- Dann sagt Herr Dr. Windthorst wörtlich: «Im Zusammen- Dann kommt, was man bei Herrn Windthorst zu erwarten Damit hat die Vagabundenfrage gar keinen Zusammenhang. Dann kommt Herr Windthorst zu der Hauptanklage; und «Daß diese mit der Vagabondage im Wechselverhältniß <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0027" n="25"/> erzeugt waren, künstlich zu unehelichen; man prägte ihnen un-<lb/> gerechtfertigtermaaßen den Stempel von «Spuriis» oder «Vul-<lb/> goquäsitis» auf; man beraubte sie ihres natürlichen Ernährers<lb/> und stieß sie dadurch gerade in die Armuth, in das Elend, in<lb/> den Bettel und die Vagabondage; ja man hat vielfach (nament-<lb/> lich in Mecklenburg war dies der Fall) schließlich die Menschen<lb/> zur Auswanderung getrieben, wenn sie ehrlich genug waren, die-<lb/> jenigen Verpflichtungen, die ihnen gegenüber dem weiblichen<lb/> Wesen ihrer Wahl und gegenüber ihren mit ihm erzeugten Kin-<lb/> dern oblagen, erfüllen zu wollen. Also zu solchen Mitteln, die<lb/> einer bösen Vergangenheit angehören, wollen wir nicht zurück<lb/> greifen. Diese Arznei ist schlimmer als die Krankheit.</p><lb/> <p>Dann sagt Herr Dr. Windthorst wörtlich: «Im Zusammen-<lb/> hang damit ist sehr zu erwägen, ob nicht die absolute Freizügig-<lb/> keit auf die Förderung des Vagabondenthums wesentlich einge-<lb/> wirkt hat.» Nun, in Preußen haben wir die Freizügigkeit schon<lb/> seit einer schönen Reihe von Jahren, seit beinahe einem Jahr-<lb/> hundert. Mißstände sind nicht zu Tage getreten. Was man<lb/> aber unter «absoluter» Freizügigkeit versteht, ob man auch nur<lb/> halbe oder drei Viertel Freizügigkeit kennt, weiß ich nicht.</p><lb/> <p>Dann kommt, was man bei Herrn Windthorst zu erwarten<lb/> berechtigt ist: nämlich die Hauptsache des Vagabundenwesens<lb/> liege in dem kirchenpolitischen Streit. Ich sage:</p><lb/> <p>Damit hat die Vagabundenfrage gar keinen Zusammenhang.<lb/> Es hat vielmehr gerade zu der Zeit, wo die Kirche absolut<lb/> herrschte, die meisten Vagabunden gegeben. Ich berufe mich<lb/> auf den italienischen Autor Genovesi, welcher sich s. Z. an-<lb/> heischig machte (siehe Schlözer, «Staats-Anzeigen» Band XIV<lb/> Heft 59), aus dem Königreich Neapel 60 000 Landstreicher, aus<lb/> Toscana 10 000 und aus dem Kirchenstaate 20 000 zu liefern.<lb/> Alle diese Dinge, welche der Herr Abg. Windthorst als die Ur-<lb/> sachen der heutigen Vagabondage bezeichnet, haben damals in<lb/> den genannten drei italienischen Staaten durchaus nicht bestanden,<lb/> am allerwenigsten in Rom und in dem Kirchenstaat, wo doch<lb/> gewiß auch ein «Culturkampf» niemals geherrscht hat.</p><lb/> <p>Dann kommt Herr Windthorst zu der Hauptanklage; und<lb/> diese ist natürlich gegen die «liberale Gesetzgebung» gerichtet.<lb/> Er sagt:</p><lb/> <p>«Daß diese mit der Vagabondage im Wechselverhältniß<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [25/0027]
erzeugt waren, künstlich zu unehelichen; man prägte ihnen un-
gerechtfertigtermaaßen den Stempel von «Spuriis» oder «Vul-
goquäsitis» auf; man beraubte sie ihres natürlichen Ernährers
und stieß sie dadurch gerade in die Armuth, in das Elend, in
den Bettel und die Vagabondage; ja man hat vielfach (nament-
lich in Mecklenburg war dies der Fall) schließlich die Menschen
zur Auswanderung getrieben, wenn sie ehrlich genug waren, die-
jenigen Verpflichtungen, die ihnen gegenüber dem weiblichen
Wesen ihrer Wahl und gegenüber ihren mit ihm erzeugten Kin-
dern oblagen, erfüllen zu wollen. Also zu solchen Mitteln, die
einer bösen Vergangenheit angehören, wollen wir nicht zurück
greifen. Diese Arznei ist schlimmer als die Krankheit.
Dann sagt Herr Dr. Windthorst wörtlich: «Im Zusammen-
hang damit ist sehr zu erwägen, ob nicht die absolute Freizügig-
keit auf die Förderung des Vagabondenthums wesentlich einge-
wirkt hat.» Nun, in Preußen haben wir die Freizügigkeit schon
seit einer schönen Reihe von Jahren, seit beinahe einem Jahr-
hundert. Mißstände sind nicht zu Tage getreten. Was man
aber unter «absoluter» Freizügigkeit versteht, ob man auch nur
halbe oder drei Viertel Freizügigkeit kennt, weiß ich nicht.
Dann kommt, was man bei Herrn Windthorst zu erwarten
berechtigt ist: nämlich die Hauptsache des Vagabundenwesens
liege in dem kirchenpolitischen Streit. Ich sage:
Damit hat die Vagabundenfrage gar keinen Zusammenhang.
Es hat vielmehr gerade zu der Zeit, wo die Kirche absolut
herrschte, die meisten Vagabunden gegeben. Ich berufe mich
auf den italienischen Autor Genovesi, welcher sich s. Z. an-
heischig machte (siehe Schlözer, «Staats-Anzeigen» Band XIV
Heft 59), aus dem Königreich Neapel 60 000 Landstreicher, aus
Toscana 10 000 und aus dem Kirchenstaate 20 000 zu liefern.
Alle diese Dinge, welche der Herr Abg. Windthorst als die Ur-
sachen der heutigen Vagabondage bezeichnet, haben damals in
den genannten drei italienischen Staaten durchaus nicht bestanden,
am allerwenigsten in Rom und in dem Kirchenstaat, wo doch
gewiß auch ein «Culturkampf» niemals geherrscht hat.
Dann kommt Herr Windthorst zu der Hauptanklage; und
diese ist natürlich gegen die «liberale Gesetzgebung» gerichtet.
Er sagt:
«Daß diese mit der Vagabondage im Wechselverhältniß
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