Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.Des II Theils VIII Capitel Wo bleibt noch, fuhr sie fort, die Königliche Pracht, Die seinen Hof und Staat so unvergleichlich macht? Die Fremden dringen sich zu seinen Lustbarkeiten, Wo Ueberfluß und Lust und Großmuth ihn begleiten. Wer nur ein Faßnachts-Spiel, wie er es angestellt, Gewölb und Zimmer sieht, das seinen Schatz enthält, Und endlich Japans Stoltz im Porcellan erblicket, Der wird ohn unterlaß bezaubert und entzücket. Ja freylich! rief hierauf, die Liebe zu der Kunst: Die Meister rühmen sich der Königlichen Gunst, Die Baukunst zeiget sich in stoltzen Lustgebäuden, Die Gärten kan man kaum von Welschland unterscheiden, Der Marmor regt sich fast in Seulen mancher Art, Und wo des Mahlers Hand nicht Müh und Fleiß gespart, Da sollte, wer es sieht, fast tausend Eyde schweren, Daß alle Bilder hier beseelte Cörper wären. Die Thon- und Singe-Kunst nennt Dreßden ihren Sitz, Apollo heist es gar die Residentz von Witz, Weil König, Hof und Stadt die Kunst der Dichter lieben, Weil sich die Edlen selbst auf reinen Seyten üben. Der Opern Zauberwerck zwingt Augen, Ohr und Hertz, Des Lustspiels nützlicher und Geist-erfüllter Schertz, Der Trauerspiele Pracht, Verwundern, Furcht und Zagen, Wird von Augusts Geschmack, vom Flor der Künste sagen. Nun trat die Billigkeit mit Zuversicht herbey, Und sprach: Man dencke nicht, daß ich die letzte sey; O nein! das strengste Recht, die Seule grosser Staaten, Erhebt auch unsern Held vor andern Potentaten. Asträa sitzt in ihm auf Pohlens Königs-Thron, Er ist der Unschuld Schutz, der Tugend Schild und Lohn; Kein Ansehn der Person kan hier den Richter blenden, Er trägt ein blitzend Schwerdt in den gerechten Händen. Dieß zeigt der Festungs-Bau, wo manche Bosheit frohnt, Dieß zeiget Waldheims-Zucht, wo man den Frevel lohnt, Dieß zeigt die grosse Zahl von heiligen Gesetzen, Der Laster strenger Zaum, der Frömmigkeit Ergetzen. Wie hat sein starcker Arm das Ungeheur gedämpft, Die Rachgier, die so gern mit Bley und Eisen kämpft? Der Zweykampf ist verbannt, man hört von keinem Morden, Weil Sachsen unter ihm Europens Freystadt worden. Der
Des II Theils VIII Capitel Wo bleibt noch, fuhr ſie fort, die Koͤnigliche Pracht, Die ſeinen Hof und Staat ſo unvergleichlich macht? Die Fremden dringen ſich zu ſeinen Luſtbarkeiten, Wo Ueberfluß und Luſt und Großmuth ihn begleiten. Wer nur ein Faßnachts-Spiel, wie er es angeſtellt, Gewoͤlb und Zimmer ſieht, das ſeinen Schatz enthaͤlt, Und endlich Japans Stoltz im Porcellan erblicket, Der wird ohn unterlaß bezaubert und entzuͤcket. Ja freylich! rief hierauf, die Liebe zu der Kunſt: Die Meiſter ruͤhmen ſich der Koͤniglichen Gunſt, Die Baukunſt zeiget ſich in ſtoltzen Luſtgebaͤuden, Die Gaͤrten kan man kaum von Welſchland unterſcheiden, Der Marmor regt ſich faſt in Seulen mancher Art, Und wo des Mahlers Hand nicht Muͤh und Fleiß geſpart, Da ſollte, wer es ſieht, faſt tauſend Eyde ſchweren, Daß alle Bilder hier beſeelte Coͤrper waͤren. Die Thon- und Singe-Kunſt nennt Dreßden ihren Sitz, Apollo heiſt es gar die Reſidentz von Witz, Weil Koͤnig, Hof und Stadt die Kunſt der Dichter lieben, Weil ſich die Edlen ſelbſt auf reinen Seyten uͤben. Der Opern Zauberwerck zwingt Augen, Ohr und Hertz, Des Luſtſpiels nuͤtzlicher und Geiſt-erfuͤllter Schertz, Der Trauerſpiele Pracht, Verwundern, Furcht und Zagen, Wird von Auguſts Geſchmack, vom Flor der Kuͤnſte ſagen. Nun trat die Billigkeit mit Zuverſicht herbey, Und ſprach: Man dencke nicht, daß ich die letzte ſey; O nein! das ſtrengſte Recht, die Seule groſſer Staaten, Erhebt auch unſern Held vor andern Potentaten. Aſtraͤa ſitzt in ihm auf Pohlens Koͤnigs-Thron, Er iſt der Unſchuld Schutz, der Tugend Schild und Lohn; Kein Anſehn der Perſon kan hier den Richter blenden, Er traͤgt ein blitzend Schwerdt in den gerechten Haͤnden. Dieß zeigt der Feſtungs-Bau, wo manche Bosheit frohnt, Dieß zeiget Waldheims-Zucht, wo man den Frevel lohnt, Dieß zeigt die groſſe Zahl von heiligen Geſetzen, Der Laſter ſtrenger Zaum, der Froͤmmigkeit Ergetzen. Wie hat ſein ſtarcker Arm das Ungeheur gedaͤmpft, Die Rachgier, die ſo gern mit Bley und Eiſen kaͤmpft? Der Zweykampf iſt verbannt, man hoͤrt von keinem Morden, Weil Sachſen unter ihm Europens Freyſtadt worden. Der
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Des II Theils VIII Capitel
Wo bleibt noch, fuhr ſie fort, die Koͤnigliche Pracht,
Die ſeinen Hof und Staat ſo unvergleichlich macht?
Die Fremden dringen ſich zu ſeinen Luſtbarkeiten,
Wo Ueberfluß und Luſt und Großmuth ihn begleiten.
Wer nur ein Faßnachts-Spiel, wie er es angeſtellt,
Gewoͤlb und Zimmer ſieht, das ſeinen Schatz enthaͤlt,
Und endlich Japans Stoltz im Porcellan erblicket,
Der wird ohn unterlaß bezaubert und entzuͤcket.
Ja freylich! rief hierauf, die Liebe zu der Kunſt:
Die Meiſter ruͤhmen ſich der Koͤniglichen Gunſt,
Die Baukunſt zeiget ſich in ſtoltzen Luſtgebaͤuden,
Die Gaͤrten kan man kaum von Welſchland unterſcheiden,
Der Marmor regt ſich faſt in Seulen mancher Art,
Und wo des Mahlers Hand nicht Muͤh und Fleiß geſpart,
Da ſollte, wer es ſieht, faſt tauſend Eyde ſchweren,
Daß alle Bilder hier beſeelte Coͤrper waͤren.
Die Thon- und Singe-Kunſt nennt Dreßden ihren Sitz,
Apollo heiſt es gar die Reſidentz von Witz,
Weil Koͤnig, Hof und Stadt die Kunſt der Dichter lieben,
Weil ſich die Edlen ſelbſt auf reinen Seyten uͤben.
Der Opern Zauberwerck zwingt Augen, Ohr und Hertz,
Des Luſtſpiels nuͤtzlicher und Geiſt-erfuͤllter Schertz,
Der Trauerſpiele Pracht, Verwundern, Furcht und Zagen,
Wird von Auguſts Geſchmack, vom Flor der Kuͤnſte ſagen.
Nun trat die Billigkeit mit Zuverſicht herbey,
Und ſprach: Man dencke nicht, daß ich die letzte ſey;
O nein! das ſtrengſte Recht, die Seule groſſer Staaten,
Erhebt auch unſern Held vor andern Potentaten.
Aſtraͤa ſitzt in ihm auf Pohlens Koͤnigs-Thron,
Er iſt der Unſchuld Schutz, der Tugend Schild und Lohn;
Kein Anſehn der Perſon kan hier den Richter blenden,
Er traͤgt ein blitzend Schwerdt in den gerechten Haͤnden.
Dieß zeigt der Feſtungs-Bau, wo manche Bosheit frohnt,
Dieß zeiget Waldheims-Zucht, wo man den Frevel lohnt,
Dieß zeigt die groſſe Zahl von heiligen Geſetzen,
Der Laſter ſtrenger Zaum, der Froͤmmigkeit Ergetzen.
Wie hat ſein ſtarcker Arm das Ungeheur gedaͤmpft,
Die Rachgier, die ſo gern mit Bley und Eiſen kaͤmpft?
Der Zweykampf iſt verbannt, man hoͤrt von keinem Morden,
Weil Sachſen unter ihm Europens Freyſtadt worden.
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