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Halm, Friedrich [d. i. Eligius Franz Joseph von Münch Bellinghausen]: Die Marzipan-Lise. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–70. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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war abgelaufen, das Wägelchen, das ihn heimwärts führen sollte, stand vor der Thür, und er war nun gekommen, Abschied von dem Manne zu nehmen, der ihm durch zehn Jahre ein mitunter ungeberdiger und auffahrender, aber bei alledem ein wohlwollender und freundlicher Herr gewesen. Horvath hatte die Feder weggelegt und war auf den nicht eben mehr jungen, aber von Kraft und Gesundheit strotzenden Burschen zugeschritten, der durch ein seltsames Zucken in seinen offenen Zügen und durch ein krampfhaftes Drehen des wohlgewichsten Schnurrbarts unverkennbar heftige innere Bewegung verrieth. Als nun Horvath in gewohnter Gutmüthigkeit die Hand auf seine breite Schulter legte, ihm für die guten Dienste, die er ihm geleistet, für Redlichkeit und Treue, die er ihm durch lange Jahre bewiesen, freundlich dankte und bedauerte, daß er trotz aller Abmahnungen, statt in seinem Hause bessere Tage abzuwarten, sich in so mißlicher Zeit auf seine eigenen Beine stellen und sein Glück im Handel versuchen wolle, da rollten große Thränen über Antal's braune Wangen. Herr, stieß er schluchzend heraus, ich weiß, es kann mein Unglück sein, daß ich gehe, und gewiß werde ich's nirgends mehr so gut haben, als ich's bei Euch hatte, aber ich muß fort! Gott straft mich; weil ich zur Unzeit Ungebührliches ins Blaue hineinschwatzte, darf ich nun zur rechten Zeit das Nothwendige nicht sagen, und zusehen kann ich auch nicht mehr, oder mir drückt es das Herz ab! Was sieht Er denn, rief Horvath, den die Erschütterung des Burschen anzustecken begann, und warum muß Er es verschweigen?

war abgelaufen, das Wägelchen, das ihn heimwärts führen sollte, stand vor der Thür, und er war nun gekommen, Abschied von dem Manne zu nehmen, der ihm durch zehn Jahre ein mitunter ungeberdiger und auffahrender, aber bei alledem ein wohlwollender und freundlicher Herr gewesen. Horváth hatte die Feder weggelegt und war auf den nicht eben mehr jungen, aber von Kraft und Gesundheit strotzenden Burschen zugeschritten, der durch ein seltsames Zucken in seinen offenen Zügen und durch ein krampfhaftes Drehen des wohlgewichsten Schnurrbarts unverkennbar heftige innere Bewegung verrieth. Als nun Horváth in gewohnter Gutmüthigkeit die Hand auf seine breite Schulter legte, ihm für die guten Dienste, die er ihm geleistet, für Redlichkeit und Treue, die er ihm durch lange Jahre bewiesen, freundlich dankte und bedauerte, daß er trotz aller Abmahnungen, statt in seinem Hause bessere Tage abzuwarten, sich in so mißlicher Zeit auf seine eigenen Beine stellen und sein Glück im Handel versuchen wolle, da rollten große Thränen über Antal's braune Wangen. Herr, stieß er schluchzend heraus, ich weiß, es kann mein Unglück sein, daß ich gehe, und gewiß werde ich's nirgends mehr so gut haben, als ich's bei Euch hatte, aber ich muß fort! Gott straft mich; weil ich zur Unzeit Ungebührliches ins Blaue hineinschwatzte, darf ich nun zur rechten Zeit das Nothwendige nicht sagen, und zusehen kann ich auch nicht mehr, oder mir drückt es das Herz ab! Was sieht Er denn, rief Horváth, den die Erschütterung des Burschen anzustecken begann, und warum muß Er es verschweigen?

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[0021] war abgelaufen, das Wägelchen, das ihn heimwärts führen sollte, stand vor der Thür, und er war nun gekommen, Abschied von dem Manne zu nehmen, der ihm durch zehn Jahre ein mitunter ungeberdiger und auffahrender, aber bei alledem ein wohlwollender und freundlicher Herr gewesen. Horváth hatte die Feder weggelegt und war auf den nicht eben mehr jungen, aber von Kraft und Gesundheit strotzenden Burschen zugeschritten, der durch ein seltsames Zucken in seinen offenen Zügen und durch ein krampfhaftes Drehen des wohlgewichsten Schnurrbarts unverkennbar heftige innere Bewegung verrieth. Als nun Horváth in gewohnter Gutmüthigkeit die Hand auf seine breite Schulter legte, ihm für die guten Dienste, die er ihm geleistet, für Redlichkeit und Treue, die er ihm durch lange Jahre bewiesen, freundlich dankte und bedauerte, daß er trotz aller Abmahnungen, statt in seinem Hause bessere Tage abzuwarten, sich in so mißlicher Zeit auf seine eigenen Beine stellen und sein Glück im Handel versuchen wolle, da rollten große Thränen über Antal's braune Wangen. Herr, stieß er schluchzend heraus, ich weiß, es kann mein Unglück sein, daß ich gehe, und gewiß werde ich's nirgends mehr so gut haben, als ich's bei Euch hatte, aber ich muß fort! Gott straft mich; weil ich zur Unzeit Ungebührliches ins Blaue hineinschwatzte, darf ich nun zur rechten Zeit das Nothwendige nicht sagen, und zusehen kann ich auch nicht mehr, oder mir drückt es das Herz ab! Was sieht Er denn, rief Horváth, den die Erschütterung des Burschen anzustecken begann, und warum muß Er es verschweigen?

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T10:52:38Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T10:52:38Z)

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Zitationshilfe: Halm, Friedrich [d. i. Eligius Franz Joseph von Münch Bellinghausen]: Die Marzipan-Lise. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–70. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/halm_lise_1910/21>, abgerufen am 04.12.2022.