gleich nicht im mindesten des ihm vorgeschlagenen Mit- tels. Seine Vorstellungen laufen nach den Reproductions- gesetzen ab, die wir längst kennen, und von denen wir wissen, dass sie die mathematische Regelmässigkeit ihres Erfolgs in sich tragen. Jede von den verschiedenen Stimmen, aus denen die Musik besteht, bildet erstlich ihre völlig bestimmte Zeitreihe für sich; jede empfängt zweytens die Einschnitte, welche die andern, gleichzeitig ablaufenden in ihr hervorbringen; diese Einschnitte sind aber drittens durch den Tact so geordnet, dass sie zu- sammentreffen, denn sonst würden die Reihen einander stören, wie es augenblicklich geschieht, sobald eine Stimme aus dem Tacte kömmt. Solange nun die Stimmen richtig fortlaufen, sind sie unaufhörlich zugleich; denn jede, mit Inbegriff der ihr vorgeschriebenen Pausen, (die wesent- lich zu ihr gehören,) füllt die ganze Zeit aus; jede bil- det eine Linie, worauf jede andre, beliebige Puncte an bestimmte Orte zeichnen kann, wo sie veststehn, sey es in gegebenen Distanzen, oder mögen sie ohne Distanz zusammenfallen, das heisst, zugleich seyn.
Dies Alles betrifft Zustände, nicht Dinge. Kant hingegen, weil ihm die Theorie der Vorstellungsreihen, mithin die Erklärung der Zeit, gänzlich fehlte, half sich, wie er konnte. Das Zugleich, welches eine Zeitbestim- mung, und doch gerade diejenige seyn soll, in welcher die Zeit = o gesetzt wird, verwandelt er in eine Dauer, von unbestimmter Länge, aber gross genug, um darin zwey Successionen, a b, und b a, anzubringen, von de- nen er hoffte, sie würden sich aufheben. Nun liegt zwar in der Reihe a, b, a, sowohl a, b; als b, a. Allein sie heben sich ganz und gar nicht auf. Man kann das a, b, a, b, a, b, a .... beliebig wie ein Glockenge- läute fortsetzen; es kommt kein Zugleich heraus. Gleich- wohl ist das wechselseitige Auffassen zweyer Dinge, wenn nicht der Begriff des Beharrens dieser Dinge hinzukommt, nichts anderes, als ein solches Glockengeläute. Aber eben indem Kant das Beharren der Dinge im
gleich nicht im mindesten des ihm vorgeschlagenen Mit- tels. Seine Vorstellungen laufen nach den Reproductions- gesetzen ab, die wir längst kennen, und von denen wir wissen, daſs sie die mathematische Regelmäſsigkeit ihres Erfolgs in sich tragen. Jede von den verschiedenen Stimmen, aus denen die Musik besteht, bildet erstlich ihre völlig bestimmte Zeitreihe für sich; jede empfängt zweytens die Einschnitte, welche die andern, gleichzeitig ablaufenden in ihr hervorbringen; diese Einschnitte sind aber drittens durch den Tact so geordnet, daſs sie zu- sammentreffen, denn sonst würden die Reihen einander stören, wie es augenblicklich geschieht, sobald eine Stimme aus dem Tacte kömmt. Solange nun die Stimmen richtig fortlaufen, sind sie unaufhörlich zugleich; denn jede, mit Inbegriff der ihr vorgeschriebenen Pausen, (die wesent- lich zu ihr gehören,) füllt die ganze Zeit aus; jede bil- det eine Linie, worauf jede andre, beliebige Puncte an bestimmte Orte zeichnen kann, wo sie veststehn, sey es in gegebenen Distanzen, oder mögen sie ohne Distanz zusammenfallen, das heiſst, zugleich seyn.
Dies Alles betrifft Zustände, nicht Dinge. Kant hingegen, weil ihm die Theorie der Vorstellungsreihen, mithin die Erklärung der Zeit, gänzlich fehlte, half sich, wie er konnte. Das Zugleich, welches eine Zeitbestim- mung, und doch gerade diejenige seyn soll, in welcher die Zeit = o gesetzt wird, verwandelt er in eine Dauer, von unbestimmter Länge, aber groſs genug, um darin zwey Successionen, a b, und b a, anzubringen, von de- nen er hoffte, sie würden sich aufheben. Nun liegt zwar in der Reihe a, b, a, sowohl a, b; als b, a. Allein sie heben sich ganz und gar nicht auf. Man kann das a, b, a, b, a, b, a .... beliebig wie ein Glockenge- läute fortsetzen; es kommt kein Zugleich heraus. Gleich- wohl ist das wechselseitige Auffassen zweyer Dinge, wenn nicht der Begriff des Beharrens dieser Dinge hinzukommt, nichts anderes, als ein solches Glockengeläute. Aber eben indem Kant das Beharren der Dinge im
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gleich nicht im mindesten des ihm vorgeschlagenen Mit-
tels. Seine Vorstellungen laufen nach den Reproductions-
gesetzen ab, die wir längst kennen, und von denen wir
wissen, daſs sie die mathematische Regelmäſsigkeit ihres
Erfolgs in sich tragen. Jede von den verschiedenen
Stimmen, aus denen die Musik besteht, bildet erstlich
ihre völlig bestimmte Zeitreihe für sich; jede empfängt
zweytens die Einschnitte, welche die andern, gleichzeitig
ablaufenden in ihr hervorbringen; diese Einschnitte sind
aber drittens durch den Tact so geordnet, daſs sie zu-
sammentreffen, denn sonst würden die Reihen einander
stören, wie es augenblicklich geschieht, sobald eine Stimme
aus dem Tacte kömmt. Solange nun die Stimmen richtig
fortlaufen, sind sie unaufhörlich zugleich; denn jede, mit
Inbegriff der ihr vorgeschriebenen Pausen, (die wesent-
lich zu ihr gehören,) füllt die ganze Zeit aus; jede bil-
det eine Linie, worauf jede andre, beliebige Puncte an
bestimmte Orte zeichnen kann, wo sie veststehn, sey es
in gegebenen Distanzen, oder mögen sie ohne Distanz
zusammenfallen, das heiſst, zugleich seyn.
Dies Alles betrifft Zustände, nicht Dinge. Kant
hingegen, weil ihm die Theorie der Vorstellungsreihen,
mithin die Erklärung der Zeit, gänzlich fehlte, half sich,
wie er konnte. Das Zugleich, welches eine Zeitbestim-
mung, und doch gerade diejenige seyn soll, in welcher
die Zeit = o gesetzt wird, verwandelt er in eine Dauer,
von unbestimmter Länge, aber groſs genug, um darin
zwey Successionen, a b, und b a, anzubringen, von de-
nen er hoffte, sie würden sich aufheben. Nun liegt zwar
in der Reihe a, b, a, sowohl a, b; als b, a. Allein
sie heben sich ganz und gar nicht auf. Man kann das
a, b, a, b, a, b, a .... beliebig wie ein Glockenge-
läute fortsetzen; es kommt kein Zugleich heraus. Gleich-
wohl ist das wechselseitige Auffassen zweyer Dinge, wenn
nicht der Begriff des Beharrens dieser Dinge hinzukommt,
nichts anderes, als ein solches Glockengeläute. Aber
eben indem Kant das Beharren der Dinge im
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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825, S. 342. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/377>, abgerufen am 24.11.2024.
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