"Wo ist mein Kind, Herr van der Helfft? Wo ist Ottilie?" So schnaubte, sich zornig stellend, der im Jnnersten überglückliche Vater den hochmüthigen Jüngling an.
Dieser erwiederte mit der Grazie beleidigter Un- schuld: Wie ich hoffe, zu dieser Stunde in ihrem jungfräulichen Bett, Herr Baron. Es sollte mir leid thun um Sie, wie um Jhr Fräulein, wenn sie ohne des Vaters Vorwissen sich wo anders befände?
"Sehen Sie dies selbst ein, unwiderstehlicher Verführer? Dann geben Sie uns Genugthuung: Erklären Sie meine Tochter Ottilie in Gegenwart dieser drei Zeugen -- (zwischen den Thürpfosten regte es sich und die Angerufenen stießen Töne aus) -- für Jhre verlobte Braut! Sonst bekommt mein treues Schwert zu thun."
Jch verstehe Jhre Meinung, mein Herr, sagte Theodor, und ich muß Jhnen, als Vater, vollkommen Recht geben. Befände sich Jhre Tochter jetzt, nach Ablauf der Geisterstunde, bei mir in diesen mir ein- geräumten Gemächern, dann bliebe Jhrem alten, unbefleckten Adel nichts übrig, als mein Herz zu durchbohren, oder mich als Sohn an Jhr Herz zu drücken. Gewiß ziehen Sie das Letztere vor, und aus
„Wo iſt mein Kind, Herr van der Helfft? Wo iſt Ottilie?“ So ſchnaubte, ſich zornig ſtellend, der im Jnnerſten uͤbergluͤckliche Vater den hochmuͤthigen Juͤngling an.
Dieſer erwiederte mit der Grazie beleidigter Un- ſchuld: Wie ich hoffe, zu dieſer Stunde in ihrem jungfraͤulichen Bett, Herr Baron. Es ſollte mir leid thun um Sie, wie um Jhr Fraͤulein, wenn ſie ohne des Vaters Vorwiſſen ſich wo anders befaͤnde?
„Sehen Sie dies ſelbſt ein, unwiderſtehlicher Verfuͤhrer? Dann geben Sie uns Genugthuung: Erklaͤren Sie meine Tochter Ottilie in Gegenwart dieſer drei Zeugen — (zwiſchen den Thuͤrpfoſten regte es ſich und die Angerufenen ſtießen Toͤne aus) — fuͤr Jhre verlobte Braut! Sonſt bekommt mein treues Schwert zu thun.“
Jch verſtehe Jhre Meinung, mein Herr, ſagte Theodor, und ich muß Jhnen, als Vater, vollkommen Recht geben. Befaͤnde ſich Jhre Tochter jetzt, nach Ablauf der Geiſterſtunde, bei mir in dieſen mir ein- geraͤumten Gemaͤchern, dann bliebe Jhrem alten, unbefleckten Adel nichts uͤbrig, als mein Herz zu durchbohren, oder mich als Sohn an Jhr Herz zu druͤcken. Gewiß ziehen Sie das Letztere vor, und aus
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„Wo iſt mein Kind, Herr van der Helfft? Wo
iſt Ottilie?“ So ſchnaubte, ſich zornig ſtellend, der
im Jnnerſten uͤbergluͤckliche Vater den hochmuͤthigen
Juͤngling an.
Dieſer erwiederte mit der Grazie beleidigter Un-
ſchuld: Wie ich hoffe, zu dieſer Stunde in ihrem
jungfraͤulichen Bett, Herr Baron. Es ſollte mir leid
thun um Sie, wie um Jhr Fraͤulein, wenn ſie ohne
des Vaters Vorwiſſen ſich wo anders befaͤnde?
„Sehen Sie dies ſelbſt ein, unwiderſtehlicher
Verfuͤhrer? Dann geben Sie uns Genugthuung:
Erklaͤren Sie meine Tochter Ottilie in Gegenwart
dieſer drei Zeugen — (zwiſchen den Thuͤrpfoſten
regte es ſich und die Angerufenen ſtießen Toͤne aus)
— fuͤr Jhre verlobte Braut! Sonſt bekommt mein
treues Schwert zu thun.“
Jch verſtehe Jhre Meinung, mein Herr, ſagte
Theodor, und ich muß Jhnen, als Vater, vollkommen
Recht geben. Befaͤnde ſich Jhre Tochter jetzt, nach
Ablauf der Geiſterſtunde, bei mir in dieſen mir ein-
geraͤumten Gemaͤchern, dann bliebe Jhrem alten,
unbefleckten Adel nichts uͤbrig, als mein Herz zu
durchbohren, oder mich als Sohn an Jhr Herz zu
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Holtei, Karl von: Die Vagabunden. Bd. 1. Breslau, 1852, S. 173. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/holtei_vagabunden01_1852/189>, abgerufen am 21.11.2024.
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