Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.den künftigen Lehrer in Kost und Wohnung zu nehmen, schon weil er sich freute, dadurch manche Stunde Gespräch mit einem gebildeten Manne zu gewinnen; die andern Familien sollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal so groß war, als das Salair, womit der Adel sich seinen ersten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu miethen pflegt. Als dies feststand, ging der Schöffe selbst in die nahe Universitätsstadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbesten Professor, den sie an der Universität für die Sprachen hätten, und ging frischweg auf dessen Haus zu. Der berühmte Philolog, zu dem er dort geführt wurde, sah den Mann im Linnenkittel erst erstaunt an bei der Bitte, ihm den wackersten seiner Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber seinen verständigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er sogleich einen höchst tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung seiner Studien noch unversorgt war, und schon am Abend wanderte der Schöffe mit dem neuen Lehrer seiner Heimath zu. Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Universität ein kräftiger Demagog und Turner gewesen, neigte nicht zur städtischen Ueberfeinerung, und, selbst Bauernsohn, fand er sich in das schlichte aber den künftigen Lehrer in Kost und Wohnung zu nehmen, schon weil er sich freute, dadurch manche Stunde Gespräch mit einem gebildeten Manne zu gewinnen; die andern Familien sollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal so groß war, als das Salair, womit der Adel sich seinen ersten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu miethen pflegt. Als dies feststand, ging der Schöffe selbst in die nahe Universitätsstadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbesten Professor, den sie an der Universität für die Sprachen hätten, und ging frischweg auf dessen Haus zu. Der berühmte Philolog, zu dem er dort geführt wurde, sah den Mann im Linnenkittel erst erstaunt an bei der Bitte, ihm den wackersten seiner Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber seinen verständigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er sogleich einen höchst tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung seiner Studien noch unversorgt war, und schon am Abend wanderte der Schöffe mit dem neuen Lehrer seiner Heimath zu. Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Universität ein kräftiger Demagog und Turner gewesen, neigte nicht zur städtischen Ueberfeinerung, und, selbst Bauernsohn, fand er sich in das schlichte aber <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0016"/> den künftigen Lehrer in Kost und Wohnung zu nehmen, schon weil er sich freute, dadurch manche Stunde Gespräch mit einem gebildeten Manne zu gewinnen; die andern Familien sollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal so groß war, als das Salair, womit der Adel sich seinen ersten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu miethen pflegt.</p><lb/> <p>Als dies feststand, ging der Schöffe selbst in die nahe Universitätsstadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbesten Professor, den sie an der Universität für die Sprachen hätten, und ging frischweg auf dessen Haus zu. Der berühmte Philolog, zu dem er dort geführt wurde, sah den Mann im Linnenkittel erst erstaunt an bei der Bitte, ihm den wackersten seiner Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber seinen verständigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er sogleich einen höchst tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung seiner Studien noch unversorgt war, und schon am Abend wanderte der Schöffe mit dem neuen Lehrer seiner Heimath zu.</p><lb/> <p>Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Universität ein kräftiger Demagog und Turner gewesen, neigte nicht zur städtischen Ueberfeinerung, und, selbst Bauernsohn, fand er sich in das schlichte aber<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0016]
den künftigen Lehrer in Kost und Wohnung zu nehmen, schon weil er sich freute, dadurch manche Stunde Gespräch mit einem gebildeten Manne zu gewinnen; die andern Familien sollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal so groß war, als das Salair, womit der Adel sich seinen ersten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu miethen pflegt.
Als dies feststand, ging der Schöffe selbst in die nahe Universitätsstadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbesten Professor, den sie an der Universität für die Sprachen hätten, und ging frischweg auf dessen Haus zu. Der berühmte Philolog, zu dem er dort geführt wurde, sah den Mann im Linnenkittel erst erstaunt an bei der Bitte, ihm den wackersten seiner Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber seinen verständigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er sogleich einen höchst tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung seiner Studien noch unversorgt war, und schon am Abend wanderte der Schöffe mit dem neuen Lehrer seiner Heimath zu.
Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Universität ein kräftiger Demagog und Turner gewesen, neigte nicht zur städtischen Ueberfeinerung, und, selbst Bauernsohn, fand er sich in das schlichte aber
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