ward, wovon eine einzige oft 900 alte angelsächsische Lordschaften ein- schloss, war er besät von kleinen Bauernwirthschaften, nur hier und da durchbrochen von grösseren herrschaftlichen Gütern. Solche Verhältnisse, bei gleichzeitiger Blüthe des Städtewesens, wie sie das 15. Jahrhundert auszeichnet, erlaubten jenen Volksreichthum, den der Staatskanzler Fortescue so beredt in seinen "Laudibus Legum Angliae" schildert, aber sie schlossen den Kapitalreichthum aus.
Das Vorspiel der Umwälzung, welche die Grundlage der kapitalisti- schen Produktionsweise schuf, ereignet sich im letzten Drittheil des 15. und den ersten Decennien des 16. Jahrhunderts. Eine Masse vogel- freier Proletarier ward auf den Arbeitsmarkt geschleudert durch die Auflösung der feudalen Gefolgschaften, die, wie Sir James Steuart richtig bemerkt, "überall nutzlos Haus und Hof füllten." Obgleich die königliche Macht, selbst ein Produkt der bürgerlichen Entwicklung, in ihrem Streben nach absoluter Souverainität die Auflösung dieser Gefolg- schaften gewaltsam beschleunigte, war sie keineswegs deren einzige Ursache. Vielmehr im trotzigsten Gegensatz zu Königthum und Parlament, schuf der grosse Feudalherr ein ungleich grösseres Proletariat durch ge- waltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besass wie er selbst, und durch Usurpa- tion ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoss dazu gab in Eng- land namentlich das Aufblühn der flandrischen Wollmanufaktur, und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudaladel hatten die grossen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit, für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Losungswort. Harrison, in seiner "De- scription of England. Prefixed to Holinshed's Chronicles", beschreibt, wie die Expropriation der kleinen Bauern das Land ruinirt. "What care our great incroachers!" (Was fragen unsre grossen Usurpa- toren danach?) Die Wohnungen der Bauern und die Cottages der Arbeiter wurden gewaltsam niedergerissen oder dem Verfall geweiht. "Wenn man", sagt Harrison, "die älteren Inventarien jeden Ritterguts vergleichen will, so wird man finden, dass unzählige Häuser und kleine Bauernwirth- schaften verschwunden sind, dass das Land viel weniger Leute nährt, dass viele Städte verfallen sind, obgleich einige neue aufblühn . . . . Von Städten und Dörfern, die man für Schaftriften zerstört hat, und worin nur noch
ward, wovon eine einzige oft 900 alte angelsächsische Lordschaften ein- schloss, war er besät von kleinen Bauernwirthschaften, nur hier und da durchbrochen von grösseren herrschaftlichen Gütern. Solche Verhältnisse, bei gleichzeitiger Blüthe des Städtewesens, wie sie das 15. Jahrhundert auszeichnet, erlaubten jenen Volksreichthum, den der Staatskanzler Fortescue so beredt in seinen „Laudibus Legum Angliae“ schildert, aber sie schlossen den Kapitalreichthum aus.
Das Vorspiel der Umwälzung, welche die Grundlage der kapitalisti- schen Produktionsweise schuf, ereignet sich im letzten Drittheil des 15. und den ersten Decennien des 16. Jahrhunderts. Eine Masse vogel- freier Proletarier ward auf den Arbeitsmarkt geschleudert durch die Auflösung der feudalen Gefolgschaften, die, wie Sir James Steuart richtig bemerkt, „überall nutzlos Haus und Hof füllten.“ Obgleich die königliche Macht, selbst ein Produkt der bürgerlichen Entwicklung, in ihrem Streben nach absoluter Souverainität die Auflösung dieser Gefolg- schaften gewaltsam beschleunigte, war sie keineswegs deren einzige Ursache. Vielmehr im trotzigsten Gegensatz zu Königthum und Parlament, schuf der grosse Feudalherr ein ungleich grösseres Proletariat durch ge- waltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besass wie er selbst, und durch Usurpa- tion ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoss dazu gab in Eng- land namentlich das Aufblühn der flandrischen Wollmanufaktur, und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudaladel hatten die grossen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit, für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Losungswort. Harrison, in seiner „De- scription of England. Prefixed to Holinshed’s Chronicles“, beschreibt, wie die Expropriation der kleinen Bauern das Land ruinirt. „What care our great incroachers!“ (Was fragen unsre grossen Usurpa- toren danach?) Die Wohnungen der Bauern und die Cottages der Arbeiter wurden gewaltsam niedergerissen oder dem Verfall geweiht. „Wenn man“, sagt Harrison, „die älteren Inventarien jeden Ritterguts vergleichen will, so wird man finden, dass unzählige Häuser und kleine Bauernwirth- schaften verschwunden sind, dass das Land viel weniger Leute nährt, dass viele Städte verfallen sind, obgleich einige neue aufblühn . . . . Von Städten und Dörfern, die man für Schaftriften zerstört hat, und worin nur noch
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ward, wovon eine einzige oft 900 alte angelsächsische Lordschaften ein-
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durchbrochen von grösseren herrschaftlichen Gütern. Solche Verhältnisse,
bei gleichzeitiger Blüthe des Städtewesens, wie sie das 15. Jahrhundert
auszeichnet, erlaubten jenen Volksreichthum, den der Staatskanzler
Fortescue so beredt in seinen „Laudibus Legum Angliae“
schildert, aber sie schlossen den Kapitalreichthum aus.
Das Vorspiel der Umwälzung, welche die Grundlage der kapitalisti-
schen Produktionsweise schuf, ereignet sich im letzten Drittheil des 15.
und den ersten Decennien des 16. Jahrhunderts. Eine Masse vogel-
freier Proletarier ward auf den Arbeitsmarkt geschleudert durch
die Auflösung der feudalen Gefolgschaften, die, wie Sir James
Steuart richtig bemerkt, „überall nutzlos Haus und Hof füllten.“ Obgleich
die königliche Macht, selbst ein Produkt der bürgerlichen Entwicklung, in
ihrem Streben nach absoluter Souverainität die Auflösung dieser Gefolg-
schaften gewaltsam beschleunigte, war sie keineswegs deren einzige Ursache.
Vielmehr im trotzigsten Gegensatz zu Königthum und Parlament, schuf der
grosse Feudalherr ein ungleich grösseres Proletariat durch ge-
waltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf
sie denselben feudalen Rechtstitel besass wie er selbst, und durch Usurpa-
tion ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoss dazu gab in Eng-
land namentlich das Aufblühn der flandrischen Wollmanufaktur, und
das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudaladel hatten
die grossen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit,
für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in
Schafweide ward also sein Losungswort. Harrison, in seiner „De-
scription of England. Prefixed to Holinshed’s Chronicles“,
beschreibt, wie die Expropriation der kleinen Bauern das Land ruinirt.
„What care our great incroachers!“ (Was fragen unsre grossen Usurpa-
toren danach?) Die Wohnungen der Bauern und die Cottages der Arbeiter
wurden gewaltsam niedergerissen oder dem Verfall geweiht. „Wenn
man“, sagt Harrison, „die älteren Inventarien jeden Ritterguts vergleichen
will, so wird man finden, dass unzählige Häuser und kleine Bauernwirth-
schaften verschwunden sind, dass das Land viel weniger Leute nährt, dass
viele Städte verfallen sind, obgleich einige neue aufblühn . . . . Von Städten
und Dörfern, die man für Schaftriften zerstört hat, und worin nur noch
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Marx, Karl: Das Kapital. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Hamburg, 1867, S. 703. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/marx_kapital01_1867/722>, abgerufen am 22.11.2024.
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