Morgenblatt für gebildete Leser. Nr. 47. Stuttgart/Tübingen, 23. November 1856.[Beginn Spaltensatz]
gibt eine Encyclopädie von Sprüchen. Wenn er sich Der weltliche Ton seiner Erzählungen ist nach Jn einem übercivilisirten Lande und zu einer Zeit Nach den neuesten Lehren der heutigen Wissen- [Beginn Spaltensatz]
gibt eine Encyclopädie von Sprüchen. Wenn er sich Der weltliche Ton seiner Erzählungen ist nach Jn einem übercivilisirten Lande und zu einer Zeit Nach den neuesten Lehren der heutigen Wissen- <TEI> <text> <body> <div type="jArticle" n="1"> <p><pb facs="#f0016" n="1120"/><fw type="pageNum" place="top">1120</fw><cb type="start"/> gibt eine Encyclopädie von Sprüchen. Wenn er sich<lb/> hinsetzt, um ein Drama oder eine Erzählung zu schrei-<lb/> ben, so sammelt und sortirt er seine hundertfältigen<lb/> Beobachtungen und verleibt sie dem Stoffe ein, so gut<lb/> es gehen will. Manche wollen sich nicht einverleiben<lb/> lassen; diese fügt er lose ein als Briefe der handelnden<lb/> Personen, als Blätter aus ihren Tagebüchern und der-<lb/> gleichen. Jmmer noch fällt vieles ab, das keine Stelle<lb/> finden kann; hier mag eben der Buchbinder für den<lb/> Zusammenhang sorgen, und so haben wir von ihm, noch<lb/> abgesehen von der losen Form vieler seiner Werke,<lb/> ganze Bande voll abgerissener Sätze, Aphorismen,<lb/> Xenien u. s. w.</p><lb/> <p>Der weltliche Ton seiner Erzählungen ist nach<lb/> meinem Gefühl der Ausfluß des berechnenden Ernstes,<lb/> mit dem er an seiner Bildung arbeitete. Es ist die<lb/> schwache Seite eines Mannes auf der höchsten Stufe<lb/> der Ausbildung, der die Welt aus Dankbarkeit liebte,<lb/> der Bibliotheken, Galerien, Bauwerke, Laboratorien,<lb/> Fachmänner und Muße zu finden und zu brauchen<lb/> wußte und auf den Lohn, so der Armuth und Blöße<lb/> verheißen ist, sich nicht allzu fest verließ. Sokrates<lb/> liebte Athen, Montaigne Paris, und Frau von Sta<hi rendition="#aq">ë</hi>l<lb/> sagte, sie sey nur in diesem Punkte ( Paris nämlich )<lb/> verwundbar. Das hat sein Gutes. Gewöhnlich ist<lb/> den großen Köpfen so übel zu Muthe in ihrer Umge-<lb/> bung, daß man sie immer anderswohin wünschen möchte.<lb/> Ueberhaupt finden wir selten einen Menschen, der sich<lb/> nicht unbehaglich fühlte, auf dem nicht das Leben la-<lb/> stete. Ein leichter Anflug von Scham, ein leiser Zug<lb/> von Verzerrung liegt selbst im Angesicht tüchtiger, rüh-<lb/> riger Menschen. Aber dieser Mann war so ganz zu<lb/> Hause, so glücklich in seinem Jahrhundert und in der<lb/> Welt. Keiner war so ganz gemacht für das Leben und<lb/> keiner freute sich so herzlich am Spiel dieses Lebens.<lb/> Dieser Trieb zur Bildung, der Geist, der seine Werke<lb/> durchweht, verleiht ihnen auch ihre Gewalt. Die Jdee<lb/> der absoluten ewigen Wahrheit, ohne Rücksicht auf<lb/> meine eigene Vervollkommnung dadurch, ist etwas Hö-<lb/> heres; etwas Höheres ist die freie Hingabe an den Strom<lb/> poetischer Begeisterung; aber all den Beweggründen<lb/> gegenüber, aus denen in England und Amerika Bücher<lb/> geschrieben werden, ist Goethes Grundsatz die Wahr-<lb/> heit selbst und hat die begeisternde Kraft, wie sie der<lb/> Wahrheit zukommt. Und so hat er dem <hi rendition="#g">Buch</hi> zum<lb/> Theil wieder seine alte Macht und Würde zurückgegeben.</p><lb/> <cb n="2"/> <p>Jn einem übercivilisirten Lande und zu einer Zeit<lb/> erschienen, wo natürliche Begabung unter der Last von<lb/> Büchern und mechanischen Hülfsmitteln und der Masse<lb/> mannigfacher zersplitternder Anforderungen erdrückt<lb/> wird, lehrte Goethe seine Zeitgenossen, wie diese Massen<lb/> bunt zusammengehäufter Stoffe zu bewältigen und nutz-<lb/> bar zu machen sind. Jch stelle ihn neben Napoleon;<lb/> in beiden sehe ich die Vertreter der Natur, die sich ge-<lb/> gen die „Morgue“ des Uebereinkommens empört; zwei<lb/> unbeugsame Realisten, die mit ihren Jüngern, jeder<lb/> in seiner Art, für unsere und für alle Zeit die Axt an<lb/> die Wurzel des Baumes des Scheins und der Gedan-<lb/> kenlosigkeit gelegt haben. Goethe, der heiter Schaffende,<lb/> der, unbekümmert um den Beifall der Menge, ohne<lb/> Aufforderung von außen, Antrieb und Gedanken immer<lb/> nur in der eigenen Brust fand, nahm frei die Last ei-<lb/> nes Riesen auf sich und arbeitete unverdrossen, ohne<lb/> Rast, als die der Wechsel der Arbeit mit sich bringt,<lb/> achtzig Jahre lang fort mit der Kraft seiner ersten<lb/> Jugend.</p><lb/> <p>Nach den neuesten Lehren der heutigen Wissen-<lb/> schaft ist der einfachste Bau nicht das Produkt weniger<lb/> Elemente, sondern gerade das höchst Zusammengesetzte.<lb/> Der Mensch ist das zusammengesetzteste aller Geschöpfe;<lb/> am Ende der Reihe steht das Räderthier, <hi rendition="#aq">volvox globator.</hi><lb/> Wir sollen lernen, aus der ungeheuern Errungenschaft alter<lb/> und neuer Zeit unser geistiges Einkommen Nutzen zu ziehen.<lb/> Goethe flößt uns den Muth dazu ein; er zeigt, daß<lb/> alle Zeitalter einander ebenbürtig sind, daß nur in der<lb/> Einbildung der Kleinmüthigen eine Epoche der andern<lb/> nachsteht. Der Genius in Sonnenschein und Harmonie<lb/> schwingt sich aus dem dunkelsten, stumpfsten Jahrhun-<lb/> dert empor. Mensch und Zeit unterliegen weder Bann<lb/> noch Haft. Die Welt ist jung; die heimgegangenen<lb/> großen Männer grüßen freundlich herüber. Auch wir<lb/> sollen heilige Schriften schreiben, um wiederum den<lb/> Himmel und die Welt hienieden zu verknüpfen. Das<lb/> ist die geheime Macht des Genius, daß er uns von<lb/> allen Fesseln des Wahns loskettet, daß er alles, was<lb/> wir wissen, zur Wirklichkeit macht, daß er auch in der<lb/> Ueberfeinerung unseres heutigen Lebens, in Künsten, in<lb/> Wissenschaften, in Büchern, im Menschen, guten Glau-<lb/> ben, Realität und feste Zwecke fordert, und vor Allem,<lb/> daß er jeder Wahrheit die Ehre gibt, indem er danach<lb/> thut.</p> </div><lb/> <cb type="end"/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/> </body> </text> </TEI> [1120/0016]
1120
gibt eine Encyclopädie von Sprüchen. Wenn er sich
hinsetzt, um ein Drama oder eine Erzählung zu schrei-
ben, so sammelt und sortirt er seine hundertfältigen
Beobachtungen und verleibt sie dem Stoffe ein, so gut
es gehen will. Manche wollen sich nicht einverleiben
lassen; diese fügt er lose ein als Briefe der handelnden
Personen, als Blätter aus ihren Tagebüchern und der-
gleichen. Jmmer noch fällt vieles ab, das keine Stelle
finden kann; hier mag eben der Buchbinder für den
Zusammenhang sorgen, und so haben wir von ihm, noch
abgesehen von der losen Form vieler seiner Werke,
ganze Bande voll abgerissener Sätze, Aphorismen,
Xenien u. s. w.
Der weltliche Ton seiner Erzählungen ist nach
meinem Gefühl der Ausfluß des berechnenden Ernstes,
mit dem er an seiner Bildung arbeitete. Es ist die
schwache Seite eines Mannes auf der höchsten Stufe
der Ausbildung, der die Welt aus Dankbarkeit liebte,
der Bibliotheken, Galerien, Bauwerke, Laboratorien,
Fachmänner und Muße zu finden und zu brauchen
wußte und auf den Lohn, so der Armuth und Blöße
verheißen ist, sich nicht allzu fest verließ. Sokrates
liebte Athen, Montaigne Paris, und Frau von Staël
sagte, sie sey nur in diesem Punkte ( Paris nämlich )
verwundbar. Das hat sein Gutes. Gewöhnlich ist
den großen Köpfen so übel zu Muthe in ihrer Umge-
bung, daß man sie immer anderswohin wünschen möchte.
Ueberhaupt finden wir selten einen Menschen, der sich
nicht unbehaglich fühlte, auf dem nicht das Leben la-
stete. Ein leichter Anflug von Scham, ein leiser Zug
von Verzerrung liegt selbst im Angesicht tüchtiger, rüh-
riger Menschen. Aber dieser Mann war so ganz zu
Hause, so glücklich in seinem Jahrhundert und in der
Welt. Keiner war so ganz gemacht für das Leben und
keiner freute sich so herzlich am Spiel dieses Lebens.
Dieser Trieb zur Bildung, der Geist, der seine Werke
durchweht, verleiht ihnen auch ihre Gewalt. Die Jdee
der absoluten ewigen Wahrheit, ohne Rücksicht auf
meine eigene Vervollkommnung dadurch, ist etwas Hö-
heres; etwas Höheres ist die freie Hingabe an den Strom
poetischer Begeisterung; aber all den Beweggründen
gegenüber, aus denen in England und Amerika Bücher
geschrieben werden, ist Goethes Grundsatz die Wahr-
heit selbst und hat die begeisternde Kraft, wie sie der
Wahrheit zukommt. Und so hat er dem Buch zum
Theil wieder seine alte Macht und Würde zurückgegeben.
Jn einem übercivilisirten Lande und zu einer Zeit
erschienen, wo natürliche Begabung unter der Last von
Büchern und mechanischen Hülfsmitteln und der Masse
mannigfacher zersplitternder Anforderungen erdrückt
wird, lehrte Goethe seine Zeitgenossen, wie diese Massen
bunt zusammengehäufter Stoffe zu bewältigen und nutz-
bar zu machen sind. Jch stelle ihn neben Napoleon;
in beiden sehe ich die Vertreter der Natur, die sich ge-
gen die „Morgue“ des Uebereinkommens empört; zwei
unbeugsame Realisten, die mit ihren Jüngern, jeder
in seiner Art, für unsere und für alle Zeit die Axt an
die Wurzel des Baumes des Scheins und der Gedan-
kenlosigkeit gelegt haben. Goethe, der heiter Schaffende,
der, unbekümmert um den Beifall der Menge, ohne
Aufforderung von außen, Antrieb und Gedanken immer
nur in der eigenen Brust fand, nahm frei die Last ei-
nes Riesen auf sich und arbeitete unverdrossen, ohne
Rast, als die der Wechsel der Arbeit mit sich bringt,
achtzig Jahre lang fort mit der Kraft seiner ersten
Jugend.
Nach den neuesten Lehren der heutigen Wissen-
schaft ist der einfachste Bau nicht das Produkt weniger
Elemente, sondern gerade das höchst Zusammengesetzte.
Der Mensch ist das zusammengesetzteste aller Geschöpfe;
am Ende der Reihe steht das Räderthier, volvox globator.
Wir sollen lernen, aus der ungeheuern Errungenschaft alter
und neuer Zeit unser geistiges Einkommen Nutzen zu ziehen.
Goethe flößt uns den Muth dazu ein; er zeigt, daß
alle Zeitalter einander ebenbürtig sind, daß nur in der
Einbildung der Kleinmüthigen eine Epoche der andern
nachsteht. Der Genius in Sonnenschein und Harmonie
schwingt sich aus dem dunkelsten, stumpfsten Jahrhun-
dert empor. Mensch und Zeit unterliegen weder Bann
noch Haft. Die Welt ist jung; die heimgegangenen
großen Männer grüßen freundlich herüber. Auch wir
sollen heilige Schriften schreiben, um wiederum den
Himmel und die Welt hienieden zu verknüpfen. Das
ist die geheime Macht des Genius, daß er uns von
allen Fesseln des Wahns loskettet, daß er alles, was
wir wissen, zur Wirklichkeit macht, daß er auch in der
Ueberfeinerung unseres heutigen Lebens, in Künsten, in
Wissenschaften, in Büchern, im Menschen, guten Glau-
ben, Realität und feste Zwecke fordert, und vor Allem,
daß er jeder Wahrheit die Ehre gibt, indem er danach
thut.
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen … Peter Fankhauser: Automatische Transformation von TUSTEP nach TEI P5 (DTA-Basisformat).
Deutsches Textarchiv: Metadatenerfassung
Institut für Deutsche Sprache, Mannheim: Bereitstellung der Bilddigitalisate und Volltext-Transkription
Susanne Haaf, Rahel Hartz, Nicole Postelt: Nachkorrektur und Vervollständigung der TEI/DTABf-Annotation
Rahel Hartz: Artikelstrukturierung
Weitere Informationen:Dieser Text wurde aus dem TUSTEP-Format nach TEI-P5 konvertiert und anschließend in das DTA-Basisformat überführt.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |