Schubin, Ossip: Vollmondzauber. In: Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek (Fünfzehnter Jahrgang. Band 18). 2. Bd. Stuttgart, 1899.der sich neben dem Krankensessel des alten Herrn befand, und auf den er seine Zeitungen gelegt hatte. Er blickte sie aufmerksam an - sie sah gerade so frisch und hübsch aus wie früher, nur mit etwas Feuchtem um die Augen, was ihrem Blick eine besondere Weichheit verlieh. "Soll ich dir die Zeitung vorlesen, Onkel?" fragte sie, nach derselben greifend. "Ja, Schwarzblattl." Er nickte. Sie begann zu lesen wie alle Tage. Gewöhnlich unterbrach er sie gerade mitten im Leitartikel mit lauten Lamentationen über die österreichischen Zustände, die ihm nämlich nie recht waren, mochten die Konservativen oder die Liberalen, die Tschechen oder die Deutschen am Ruder sein. Heute schimpfte er nicht; dieser Umstand bewies, daß er gar nicht zuhörte. Annie merkte das wohl, aber sie las weiter. Sie merkte auch, daß er sie öfter als sonst und mit ganz besonderer Zärtlichkeit betrachtete. Vielleicht erriet sie, was in ihm vorging. Die Frage in betreff der reichen Braut, mit der Zdenko sich durchaus verloben mußte, war zum erstenmal in einer konkreten Form an ihn herangetreten. Er kam sich zum Bewußtsein, daß er dieselbe früher ganz akademisch behandelt, daß er sich eigentlich zur Schwiegertochter nie etwas andres als ein Mädchen gewünscht hatte, das genau so aussehen sollte der sich neben dem Krankensessel des alten Herrn befand, und auf den er seine Zeitungen gelegt hatte. Er blickte sie aufmerksam an – sie sah gerade so frisch und hübsch aus wie früher, nur mit etwas Feuchtem um die Augen, was ihrem Blick eine besondere Weichheit verlieh. „Soll ich dir die Zeitung vorlesen, Onkel?“ fragte sie, nach derselben greifend. „Ja, Schwarzblattl.“ Er nickte. Sie begann zu lesen wie alle Tage. Gewöhnlich unterbrach er sie gerade mitten im Leitartikel mit lauten Lamentationen über die österreichischen Zustände, die ihm nämlich nie recht waren, mochten die Konservativen oder die Liberalen, die Tschechen oder die Deutschen am Ruder sein. Heute schimpfte er nicht; dieser Umstand bewies, daß er gar nicht zuhörte. Annie merkte das wohl, aber sie las weiter. Sie merkte auch, daß er sie öfter als sonst und mit ganz besonderer Zärtlichkeit betrachtete. Vielleicht erriet sie, was in ihm vorging. Die Frage in betreff der reichen Braut, mit der Zdenko sich durchaus verloben mußte, war zum erstenmal in einer konkreten Form an ihn herangetreten. Er kam sich zum Bewußtsein, daß er dieselbe früher ganz akademisch behandelt, daß er sich eigentlich zur Schwiegertochter nie etwas andres als ein Mädchen gewünscht hatte, das genau so aussehen sollte <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0089" n="89"/> der sich neben dem Krankensessel des alten Herrn befand, und auf den er seine Zeitungen gelegt hatte. Er blickte sie aufmerksam an – sie sah gerade so frisch und hübsch aus wie früher, nur mit etwas Feuchtem um die Augen, was ihrem Blick eine besondere Weichheit verlieh.</p> <p>„Soll ich dir die Zeitung vorlesen, Onkel?“ fragte sie, nach derselben greifend.</p> <p>„Ja, Schwarzblattl.“ Er nickte. Sie begann zu lesen wie alle Tage. Gewöhnlich unterbrach er sie gerade mitten im Leitartikel mit lauten Lamentationen über die österreichischen Zustände, die ihm nämlich nie recht waren, mochten die Konservativen oder die Liberalen, die Tschechen oder die Deutschen am Ruder sein. Heute schimpfte er nicht; dieser Umstand bewies, daß er gar nicht zuhörte.</p> <p>Annie merkte das wohl, aber sie las weiter. Sie merkte auch, daß er sie öfter als sonst und mit ganz besonderer Zärtlichkeit betrachtete. Vielleicht erriet sie, was in ihm vorging.</p> <p>Die Frage in betreff der reichen Braut, mit der Zdenko sich durchaus verloben mußte, war zum erstenmal in einer konkreten Form an ihn herangetreten. Er kam sich zum Bewußtsein, daß er dieselbe früher ganz akademisch behandelt, daß er sich eigentlich zur Schwiegertochter nie etwas andres als ein Mädchen gewünscht hatte, das genau so aussehen sollte </p> </div> </body> </text> </TEI> [89/0089]
der sich neben dem Krankensessel des alten Herrn befand, und auf den er seine Zeitungen gelegt hatte. Er blickte sie aufmerksam an – sie sah gerade so frisch und hübsch aus wie früher, nur mit etwas Feuchtem um die Augen, was ihrem Blick eine besondere Weichheit verlieh.
„Soll ich dir die Zeitung vorlesen, Onkel?“ fragte sie, nach derselben greifend.
„Ja, Schwarzblattl.“ Er nickte. Sie begann zu lesen wie alle Tage. Gewöhnlich unterbrach er sie gerade mitten im Leitartikel mit lauten Lamentationen über die österreichischen Zustände, die ihm nämlich nie recht waren, mochten die Konservativen oder die Liberalen, die Tschechen oder die Deutschen am Ruder sein. Heute schimpfte er nicht; dieser Umstand bewies, daß er gar nicht zuhörte.
Annie merkte das wohl, aber sie las weiter. Sie merkte auch, daß er sie öfter als sonst und mit ganz besonderer Zärtlichkeit betrachtete. Vielleicht erriet sie, was in ihm vorging.
Die Frage in betreff der reichen Braut, mit der Zdenko sich durchaus verloben mußte, war zum erstenmal in einer konkreten Form an ihn herangetreten. Er kam sich zum Bewußtsein, daß er dieselbe früher ganz akademisch behandelt, daß er sich eigentlich zur Schwiegertochter nie etwas andres als ein Mädchen gewünscht hatte, das genau so aussehen sollte
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