hält Calvin den Eintritt Jesu, von welchem hier Johan- nes spricht, als ein Wunder fest, welches dann näher dahin zu bestimmen wäre, Jesus sei eingetreten, cum fo- res clausae fuissent, sed quae Domino veniente subito patuerunt ad nutum divinae majestatis ejus8). Wäh- rend neuere Orthodoxe nur das Unbestimmte festhalten, dass bei diesem Eintritt Jesu etwas Wunderbares -- unausgemacht, welcher Art -- stattgefunden habe 9): hat der Rationalis- mus aus demselben das Wunderbare vollends ganz zu ver- bannen gewusst. Die verschlossenen Thüren seien Jesu von Menschenhänden geöffnet worden, was Johannes nur desswegen zu berichten unterlasse, weil es sich von selbst verstehe, ja abgeschmackt gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: sie machten ihm die Thüren auf, und er gieng hinein 10).
Allein bei dieser Deutung des erkhetai ton thuron ke- kleismenon sind die Theologen keineswegs unbefangen gewe- sen. Am wenigsten Calvin; denn wenn er sagt, die Pa- pisten behaupten ein wirkliches Durchdringen des Leibes Jesu durch geschlossene Thüren desswegen, ut corpus Christi immensum esse nulloque loco contineri obtine- ant: so sträubt er sich mithin gegen jene Auslegung der johanneischen Worte nur desswegen so, um der ihm an- stössigen Lehre von der Ubiquität des Leibes Jesu keine Stütze zu geben. Die neueren Ausleger dagegen hatten das Interesse, dem Widerspruch auszuweichen, welcher nach unsern Einsichten darin liegt, dass ein Körper zu- gleich aus fester Materie bestehen, und doch durch andre feste Materie ungehindert sollte hindurchgehen können; allein, da wir nicht wissen, ob diess auch auf dem Stand-
8) So Suicer, Thes. s. v. thura. Vgl. Michaelis, S. 265.
9)Tholuck und Olshausen z. d. St.
10)Griesbach, Vorlesungen über Hermeneutik, S. 305. Paulus, S. 835. Vgl. Lücke, 2, S. 683 ff.
Viertes Kapitel. §. 135.
hält Calvin den Eintritt Jesu, von welchem hier Johan- nes spricht, als ein Wunder fest, welches dann näher dahin zu bestimmen wäre, Jesus sei eingetreten, cum fo- res clausae fuissent, sed quae Domino veniente subito patuerunt ad nutum divinae majestatis ejus8). Wäh- rend neuere Orthodoxe nur das Unbestimmte festhalten, daſs bei diesem Eintritt Jesu etwas Wunderbares — unausgemacht, welcher Art — stattgefunden habe 9): hat der Rationalis- mus aus demselben das Wunderbare vollends ganz zu ver- bannen gewuſst. Die verschlossenen Thüren seien Jesu von Menschenhänden geöffnet worden, was Johannes nur deſswegen zu berichten unterlasse, weil es sich von selbst verstehe, ja abgeschmackt gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: sie machten ihm die Thüren auf, und er gieng hinein 10).
Allein bei dieser Deutung des ἔρχεται τῶν ϑυρῶν κε- κλεισμένων sind die Theologen keineswegs unbefangen gewe- sen. Am wenigsten Calvin; denn wenn er sagt, die Pa- pisten behaupten ein wirkliches Durchdringen des Leibes Jesu durch geschlossene Thüren deſswegen, ut corpus Christi immensum esse nulloque loco contineri obtine- ant: so sträubt er sich mithin gegen jene Auslegung der johanneischen Worte nur deſswegen so, um der ihm an- stöſsigen Lehre von der Ubiquität des Leibes Jesu keine Stütze zu geben. Die neueren Ausleger dagegen hatten das Interesse, dem Widerspruch auszuweichen, welcher nach unsern Einsichten darin liegt, daſs ein Körper zu- gleich aus fester Materie bestehen, und doch durch andre feste Materie ungehindert sollte hindurchgehen können; allein, da wir nicht wissen, ob dieſs auch auf dem Stand-
8) So Suicer, Thes. s. v. ϑύρα. Vgl. Michaelis, S. 265.
9)Tholuck und Olshausen z. d. St.
10)Griesbach, Vorlesungen über Hermeneutik, S. 305. Paulus, S. 835. Vgl. Lücke, 2, S. 683 ff.
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Viertes Kapitel. §. 135.
hält Calvin den Eintritt Jesu, von welchem hier Johan-
nes spricht, als ein Wunder fest, welches dann näher
dahin zu bestimmen wäre, Jesus sei eingetreten, cum fo-
res clausae fuissent, sed quae Domino veniente subito
patuerunt ad nutum divinae majestatis ejus 8). Wäh-
rend neuere Orthodoxe nur das Unbestimmte festhalten, daſs
bei diesem Eintritt Jesu etwas Wunderbares — unausgemacht,
welcher Art — stattgefunden habe 9): hat der Rationalis-
mus aus demselben das Wunderbare vollends ganz zu ver-
bannen gewuſst. Die verschlossenen Thüren seien Jesu
von Menschenhänden geöffnet worden, was Johannes nur
deſswegen zu berichten unterlasse, weil es sich von selbst
verstehe, ja abgeschmackt gewesen wäre, wenn er gesagt
hätte: sie machten ihm die Thüren auf, und er gieng
hinein 10).
Allein bei dieser Deutung des ἔρχεται τῶν ϑυρῶν κε-
κλεισμένων sind die Theologen keineswegs unbefangen gewe-
sen. Am wenigsten Calvin; denn wenn er sagt, die Pa-
pisten behaupten ein wirkliches Durchdringen des Leibes
Jesu durch geschlossene Thüren deſswegen, ut corpus
Christi immensum esse nulloque loco contineri obtine-
ant: so sträubt er sich mithin gegen jene Auslegung der
johanneischen Worte nur deſswegen so, um der ihm an-
stöſsigen Lehre von der Ubiquität des Leibes Jesu keine
Stütze zu geben. Die neueren Ausleger dagegen hatten
das Interesse, dem Widerspruch auszuweichen, welcher
nach unsern Einsichten darin liegt, daſs ein Körper zu-
gleich aus fester Materie bestehen, und doch durch andre
feste Materie ungehindert sollte hindurchgehen können;
allein, da wir nicht wissen, ob dieſs auch auf dem Stand-
8) So Suicer, Thes. s. v. ϑύρα. Vgl. Michaelis, S. 265.
9) Tholuck und Olshausen z. d. St.
10) Griesbach, Vorlesungen über Hermeneutik, S. 305. Paulus,
S. 835. Vgl. Lücke, 2, S. 683 ff.
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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836, S. 637. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus02_1836/656>, abgerufen am 22.11.2024.
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