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Zachariae, Justus Friedrich Wilhelm: Poetische Schriften. Bd. 4. [Braunschweig], [1764].

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Der Morgen.
Warum athmet ihr nicht die frischesten Düste der Ro-
sen,

Und die reineste Luft voll aromatscher Gerüche?
Flieh, o Muse, zurück, und laß den stolzen Bewohner
Hoher Palläste den herrlichsten Morgen nur immer
verschlummern,

Und, umschwebt von leeren Phantomen der nichtigen
Ehre,

Halb das Leben verträumen, und in dem übrigen Knecht
seyn.

Niemals hatte die schöne Seline den Einzug des
Morgens

Jn dem Kerker der Stadt gesehn, in welcher vom Him-
mel

Nur ein kleiner Bezirk zu ihren Augen sich drängte.
Bilder vom Morgen hatte sie zwar, so wie sie der
Maler,

Oder der schaffende Dichter, in ihre Seele gezeichnet;
Aber es waren nur Bilder, nie durch Erfahrung be-
kräftigt.

Jn der Blüte der Jugend ward von der gütigen Liebe
Jhr ein zärtlicher Jüngling geschenkt, mit dem sie in
Bergen

Jn der Nacht durchgereißt, und nun am dämmernden
Morgen

Von

Der Morgen.
Warum athmet ihr nicht die friſcheſten Duͤſte der Ro-
ſen,

Und die reineſte Luft voll aromatſcher Geruͤche?
Flieh, o Muſe, zuruͤck, und laß den ſtolzen Bewohner
Hoher Pallaͤſte den herrlichſten Morgen nur immer
verſchlummern,

Und, umſchwebt von leeren Phantomen der nichtigen
Ehre,

Halb das Leben vertraͤumen, und in dem uͤbrigen Knecht
ſeyn.

Niemals hatte die ſchoͤne Seline den Einzug des
Morgens

Jn dem Kerker der Stadt geſehn, in welcher vom Him-
mel

Nur ein kleiner Bezirk zu ihren Augen ſich draͤngte.
Bilder vom Morgen hatte ſie zwar, ſo wie ſie der
Maler,

Oder der ſchaffende Dichter, in ihre Seele gezeichnet;
Aber es waren nur Bilder, nie durch Erfahrung be-
kraͤftigt.

Jn der Bluͤte der Jugend ward von der guͤtigen Liebe
Jhr ein zaͤrtlicher Juͤngling geſchenkt, mit dem ſie in
Bergen

Jn der Nacht durchgereißt, und nun am daͤmmernden
Morgen

Von
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[24/0032] Der Morgen. Warum athmet ihr nicht die friſcheſten Duͤſte der Ro- ſen, Und die reineſte Luft voll aromatſcher Geruͤche? Flieh, o Muſe, zuruͤck, und laß den ſtolzen Bewohner Hoher Pallaͤſte den herrlichſten Morgen nur immer verſchlummern, Und, umſchwebt von leeren Phantomen der nichtigen Ehre, Halb das Leben vertraͤumen, und in dem uͤbrigen Knecht ſeyn. Niemals hatte die ſchoͤne Seline den Einzug des Morgens Jn dem Kerker der Stadt geſehn, in welcher vom Him- mel Nur ein kleiner Bezirk zu ihren Augen ſich draͤngte. Bilder vom Morgen hatte ſie zwar, ſo wie ſie der Maler, Oder der ſchaffende Dichter, in ihre Seele gezeichnet; Aber es waren nur Bilder, nie durch Erfahrung be- kraͤftigt. Jn der Bluͤte der Jugend ward von der guͤtigen Liebe Jhr ein zaͤrtlicher Juͤngling geſchenkt, mit dem ſie in Bergen Jn der Nacht durchgereißt, und nun am daͤmmernden Morgen Von

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Zitationshilfe: Zachariae, Justus Friedrich Wilhelm: Poetische Schriften. Bd. 4. [Braunschweig], [1764], S. 24. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/zachariae_schriften04_1764/32>, abgerufen am 21.04.2024.